Jasmin ist frisch verliebt. Sie schickt ihrem Freund Alexander ein Nacktfoto. Versehentlich landet das Bild in der Whatsapp-Gruppe der eigenen Klasse. Mitschüler verbreiten es auf Facebook, Twitter und Instagram. Bald kennt die ganze Schule den Körper der 14-Jährigen – das Martyrium beginnt. Beleidigungen werden zum Alltag. Der letzte Ausweg aus der Mobbing-Hölle: Selbstmord. Ein erfundenes Schreckensszenario, das aber jederzeit Realität werden kann, denn: Jeder Vierte Zwölfjährige hat bereits falsche oder beleidigende Dinge über sich im Internet gelesen.
Eltern schüren Konflikte der Kinder
Dramatische Folgen von Mobbing gab es an der Hans-Thoma-Grund-, Werk-, und Realschule in Laufenburg bisher nicht, Schulleiterin Janine Regel-Zachmann wird aber beinahe täglich mit Erniedrigung ihrer Schüler konfrontiert. Eine Schulsozialarbeiterin kümmert sich um die Fälle, informiert Lehrer und führt Streitgespräche. Manchmal tragen diese Methoden keine Früchte: Weil im ländlichen Raum viele Familien gut vernetzt sind, streiten sich auch Väter und Mütter untereinander. Oft werden dann Kinder in den Konflikt involviert. "Die dürfen nicht miteinander spielen und tragen die Konflikte der Eltern in der Schule aus. Da ist dann auch ein Schulsozialarbeiter machtlos", erklärt Regel-Zachmann ernüchtert.
Vor einigen Jahren ereignete sich ein ähnlicher Fall an ihrer Schule. Eine psychisch Kranke Schülerin wurde von ihren Klassenkameraden ausgeschlossen, weil sie anders, kompliziert und oft aggressiv war: "Das Mädchen war schwierig und hat Sachen gemacht, die nicht in Ordnung waren", sagt Regel-Zachmann. Eltern verboten daraufhin ihren Kindern den Umgang mit dem Mädchen. Einige setzten sich sogar dafür ein, dass das Problem-Kind vom Urlaub im Schullandheim ausgeschlossen wird.
Damit diese Dynamik gar nicht erst entsteht, arbeitet Heike Mennenga, Schulsozialarbeiterin am Gymnasium Überlingen, mit präventiven Maßnahmen. "Wir brauchen mehr Klassenlehrer-Stunden, um Probleme früh zu erkennen", sagt Mennenga. In der fünften und sechsten Klasse hätten Lehrer noch zwei Schulstunden in der Woche Zeit, um mit der ganzen Klasse über Konflikte zu sprechen. In Klasse sieben ist es nur noch eine Stunde. Ab der achten Klasse sind diese Gespräche gar nicht mehr im Lehrplan verankert. Die Konsequenz: Konflikte würden nicht mehr im Keim erstickt, sondern erst erkannt, wenn Probleme schon eskaliert sind. Mennenga sieht deshalb das Kultusministerium in der Pflicht zu handeln.
Julian Burgert vom Kultusministerium Baden-Württemberg sieht das anders. Er verweist beim Thema Mobbing auf gut ausgebildete Präventionsbeauftragte, Beratungslehrkräfte, Schulpsychologen und Schulsozialarbeiter. 2010 wurden laut Burgert 100 Psychologen eingestellt. Damit stieg die Zahl auf aktuell 216,5 Stellen in Baden-Württemberg. Sie helfen Opfern in 29 schulpsychologischen Beratungszentren. Schwerpunkte ihrer Arbeit: Krisenvor- und -nachsorge, Beratungslehrerausbildung und -fortbildung sowie Einzelfallberatung. „Wir nehmen Mobbing sehr ernst. Es darf an unseren Schulen keinen Platz haben", erklärt Kultusministerin Susanne Eisenmann auf Nachfrage unserer Zeitung.

Susanne Fricke kümmert sich seit eineinhalb Jahren als Schulsozialarbeiterin an der Grundschule Stockach um Kinder, die von ihren Klassen ausgegrenzt werden. Um herauszufinden, ob es sich um Mobbing oder alltägliche Konflikte handelt, spricht sie zuerst mit der ganzen Klasse. "Wenn ich sofort in Einzelgespräche gehe, verschlimmert sich die Situation für Opfer, weil sich Täter in die Ecke gedrängt fühlen", sagt Fricke. Während dieser Analyse gibt es feste Abläufe und klare Ansagen, die die Schulsozialarbeiterin wie eine Art Checkliste abarbeitet. Wenn ein Kind wirklich gemobbt wird, trainiert sie individuell mit Opfer und Tätern. "Dann folgt die Nachsorge. Im Schnitt dauert das ein halbes Jahr", sagt sie.
Seit der Erfindung des Smartphones hat Mobbing für Fricke und ihre Kollegen eine neue Qualität erreicht. Beleidigungen verlagern sich vom Pausenhof ins Internet – oft anonym und für Eltern nur schwer erkennbar. Damit hat Michael Ilg vom Polizeipräsidium Tuttlingen viel Erfahrung. Er besucht seit zehn Jahren Schulklassen im Schwarzwald-Baar-Kreis und stellt fest: "Den Altersschwerpunkt mussten wir nach vorne verlagern." Schon in der sechsten Klasse besäße nahezu jeder Schüler ein Handy.
Die gleichen Schlüsse zieht Jens Reinbolz, Schulsozialarbeiter am Gymnasium Hoptbühl in Villingen-Schwenningen. Mit dem Schulwechsel werden soziale Medien interessant – genau dort, wo Beleidigung im Internet meistens stattfindet. Die Schüler gründen auch Gruppen in WhatsApp. Die Gefahr: "Sie sind nicht offiziell und werden von keinem Lehrer moderiert. Wir erfahren es nicht, wenn die Stimmung kippt."
Kinder sollen sich wehren
Dann kann aus einem friedlichen Austausch über Hausaufgaben schnell Cybermobbing werden. Doch Reinbolz nennt Alternativen und appelliert: "Ihr könnt euch wehren." Schon bei den ersten Anzeichen sollten Kinder Erwachsene um Hilfe bitten. Außerdem gelte es, Beweise zu sammeln. "Chatverläufe geben genaue Einsicht, wer was geschrieben hat", sagt er. Denn auch wenn es den meisten Tätern nicht bewusst ist: Beleidigung ist eine Straftat.
Für Schüler, die sich nicht wehren, können die Folgen verheerend sein. "Opfer versuchen unterzutauchen. Dadurch machen sie sich noch angreifbarer", sagt Reinbolz. Dieses Martyrium könnte Kinder im schlimmsten Fall in den Selbstmord treiben – wie bei einer Elfjährigen aus Berlin. Sie wurde von Klassenkameraden gemobbt. Ob sie sich deswegen das Leben genommen hat, ist noch nicht abschließend geklärt. Viele Anzeichen sprechen aber dafür. Fakt ist: Für sie kam jede Hilfe zu spät.