Herr Mang, in Zeiten von Homeoffice, wo man die Kollegen nicht täglich sieht, es aber auch vermehrt Video-Konferenzen gibt, haben Sie da mehr Anfragen für Schönheitsoperationen bekommen?
Ja, die kleinen Operationen haben deutlich zugenommen – Mini-Lifts, Lippenkorrekturen, Lasertherapien, Behandlungen mit Botox und Hyaluronsäure, Doppelkinn-Entfernung und bei Männern Haartransplantationen. In den Videokonferenzen sieht man schonungslos sein Gesicht. Und die Leute konnten nicht reisen, dann leisten sie sich eine Schönheits-OP. Außerdem lassen sich Schwellungen und Rötungen nach der OP in der Öffentlichkeit gut unter der Maske verstecken.

Seit über 30 Jahren machen Sie Schönheits-OPs. Wie hat sich das Schönheitsideal seitdem verändert?
Früher entsprachen Brigitte Bardot, Claudia Schiffer und Angelina Jolie dem Schönheitsideal. Heute werde die Patienten immer jünger. Zuckerberg & Co haben ein Monster erschaffen mit Facebook und Instagram. Das Internet ist in dieser Beziehung ein Horror, denn die Wünsche junger Leute werden immer ausgefallener. Oft sitzen 14- bis 16-Jährige bei mir mit ihren Eltern und zeigen mir Selfies von Influencern wie zum Beispiel Kylie Jenner, deren Nase sie haben möchten. Aus dem Internet kommen auch obstruse Wünsche, wie Lippen aufspritzen und Kraken-Lippen.

Was sind denn Kraken-Lippen?
In Südkorea, Japan und Russland sind nicht mehr Schlauchboot-Lippen in, sondern diese Kraken-Lippen mit gezackter Außenkante. Das lehne ich völlig ab. Manche Jungen wollen ein Kinnimplantat wie Ryan Gosling, Mädchen wollen aussehen wie Scarlett Johansson oder Hinterteile wie Kim Kardashian. Das ist schon sehr bizarr.
Wenn ein zwölfjähriges Mädchen mit ihrer Mutter bei Ihnen sitzt, wie Sie in Ihrem Buch schreiben, der ihre Nase nicht gefällt, wie reagieren Sie dann?
Ich bin inzwischen mehr Psychologe als Chirurg. Ich sage den jungen Leuten, wie wichtig es ist, dass sie etwas lernen, Sport treiben und zu sich selbst finden. Und dass diese Selfies ja oft mit Photoshop geschönt sind und es sich meist um sehr unglückliche Menschen handelt. Ich sage dann, mit 18 können sie wiederkommen. Vorher müsste die Mutter ja mit unterschreiben. Aber es gibt durchaus die Fälle, die dann ohne Einverständnis der Eltern ins Ausland fahren und sich dort operieren lassen.
Ein gefährlicher Trend ist die sogenannte Snapchat-Dysmorphie, eine Körperwahrnehmungsstörung, die durch die übermäßige Nutzung von Bildbearbeitungsprogrammen entsteht.
Das stimmt. Laut Zahlen der Deutschen Gesellschaft für Ästhetische Medizin ist fast jedes dritte Mädchen zwischen 14 und 16 mit seinem Aussehen unglücklich. Die Bilder des eigenen Selbst, optimiert mit Filtern von Facetune, Instagram oder Snapchat machen es noch schlimmer. Diese Idealvorstellungen gibt es nicht, und man kann auch niemanden so umoperieren.

Gibt es bei Ihnen Patienten, die mit dem Ergebnis der OP nicht zufrieden sind?
Das sind zwischen 1 und 3 Prozent der Patienten. Aber sie sind nicht unzufrieden, weil etwas bei der OP passiert ist, sondern weil man ihre Erwartungen nicht erfüllen kann. Solche Patienten machen ihrem Ärger in Internet-Bewertungen Luft. Doch anonyme Bewertungen haben im Internet nichts verloren. Ich habe nichts gegen Kritik, aber wer unzufrieden ist, sollte Ross und Reiter nennen. Deswegen bin ich auch mit der Bundesärztekammer im Gespräch. Es geht einfach nicht, dass die guten Ärzte beschimpft werden und die schlechten sich die Bewertungen kaufen.

Sie kritisieren, dass Heidi Klums „Germany‘s Next Topmodel“-Show junge Mädchen stresst und auf beschämende Weise zur Schau stellt.
Eine der Teilnehmerinnen, die Influencerin Romina Palm, schreibt: Als ich 18 wurde, habe ich mir die Lippen aufspritzen lassen. Ich habe es bei ganz vielen Mädels auf Instagram gesehen, wollte es auch haben, um erfolgreich zu werden. Und die tritt dann bei Heidi Klum auf, die ihre Brüste Hans und Franz nennt und sie öffentlich zur Schau stellt. Das ist doch kein Vorbild. Dann hungern sich die Mädchen runter, um dort gecastet zu werden.
Sie beschreiben eine 19-Jährige, die meinte, vollere Lippen haben zu müssen. Auch ihre Wangenknochen fand sie zu flach. Sie ließ sich bei einem Heilpraktiker behandeln. Wie sah sie aus, als sie zu Ihnen kam?
An den Wangen hatten sich Knötchen und Entzündungen gebildet. Das Schlimmste waren die Lippen. Sie waren aufgeblasen wie Schlauchboote, hochempfindlich, gerötet und Monate nach der Injektion entzündet. Solche Fälle habe ich wöchentlich in der Sprechstunde. 15 Prozent unserer Operationen sind Reparatur-OPs. Hyaluronsäure ist eigentlich, wenn sie vom Fachmann injiziert wird, und man die authorisierten und besten Mittel verwendet, eine sehr sichere Substanz. In diesem Fall war es bestimmt eine verunreinigte Hyaluronsäure, die diese Entzündungen hervorgerufen hat. Doch oft werden diese Präparate auch in die falschen Hautregionen injiziert.

Wie haben Sie sie behandelt?
Wir haben versucht, das Mittel wieder herauszunehmen, um die Entzündung und Vereiterung schnellstmöglich in den Griff zu bekommen. Das gelang nur durch einen stationären Aufenthalt und hoch dosierte Antibiotika-Infusionen. Trotz intensiver Therapie war bei der Kontrolle nach sechs Monaten das Ergebnis
immer noch nicht so, wie sich die Patientin das vorstellte. Es waren noch weitere kostspielige Eingriffe mit einem hochwertigen Präparat notwendig. Deswegen sage ich: Hände weg von OP-Tourismus und Billig-OPs.

Besonders beliebt sind ja auch Eigenfettinjektionen, vor denen Sie aber warnen. Warum?
Es hört sich ja toll an, wenn Fett an Bauch oder Hüfte weggenommen wird und es im Brust- oder Pobereich wieder eingespritzt wird. Ich habe schon vor 15 Jahren eine Untersuchung gemacht, dass man Eigenfett nicht in die Brust einspritzen sollte, weil sich Ölzysten und Knötchen bilden können. Ich habe auch vor Fettinjektionen im Pobereich gewarnt wegen der Gefahr von Thrombosen und Embolien. Fettinjektionen für Falten im Gesichtsbereich sind eine gute Sache, aber nicht in die Brust.
In einem früheren Buch haben Sie geschrieben, dass auch Sie Frauen zu Pamela Anderson und Männer zu Brad Pitt umgebaut haben. Sie schreiben: „...und ich war stolz darauf. Ich war kein Lamm in der Schönheitschirurgie.“ Wie stehen Sie heute dazu?
Ich war damals als junger Arzt aus den USA zurück und arbeitete an der Universitätsklinik in München. Ich habe diese OPs gemacht, um zu sehen, was möglich ist. Und es ist viel möglich. Der Patient sah nachher sogar besser aus als Brad Pitt. Doch diese Operationen würde ich heute nicht mehr machen, weil ich für vernünftige Schönheitschirurgie eintrete, um Leuten zu helfen. Schönheitswahn lehne ich ab. Deswegen schicke ich auch acht bis zehn Prozent der Patienten weg. Wer zu mir kommt, weiß, dass er keine Barbiepuppen-Nase, kein Botox-Gesicht, keine Mega-Brüste, keine Schlauchbootlippen bekommt, sondern natürliche Schönheit.
Warum gibt es so viele schwarze Schafe auf dem Markt?
Der Titel Schönheitschirurgie ist nicht geschützt. Auf dem Praxis-Schild eines Schönheitschirurgen sollte entweder die Bezeichnung „plastische Chirurgie“ oder „plastische Operationen“ stehen. Diese beiden Titel werden von der Ärztekammer offiziell vergeben. Ich plädiere ja für eine fünfjährige Ausbildung auf dem Gebiet der Plastischen- und Wiederherstellungs-Chirurgie und anschließend ein zweijähriges Ausbildungstraining Ästhetische Chirurgie mit Prüfung. Dafür setze ich mich ein zum Wohle einer optimalen Patientenversorgung. Wer fünf Jahre plastische Chirurgie gemacht hat, der hat oft keine Erfahrung in der ästhetischen Chirurgie wie Facelifting, Fettabsaugen oder Nasenoperationen. Die macht der Chef selbst, weil er damit Geld verdient.
Mit Götz George, dem sie vor fast 40 Jahren die Nase richteten, die er sich bei Dreharbeiten zum Tatort gebrochen hatte, und Ihrem Facelift bei Ingrid Steeger sind Sie bekannt geworden. Auch heute noch lassen sich Moderatoren und Schauspieler behandeln. Anne Wills Wangen wirken unnatürlich, ihre Stirn möglicherweise dank Botox glatt und faltenlos, wie Sie schreiben. Sie hätten nichts an ihr gemacht.
Ich war ja bei ihr in der Talkshow. Anne Will ist eine sehr aparte Frau. Man kann im Alter ruhig ein paar Falten haben. Doch bei einigen Moderatoren gibt es einen Drang zu Botox. Ich glaube, sie hat das eingesehen und in letzter Zeit keine Therapien mehr gemacht.

Auch Dieter Bohlen sieht für seine 67 Jahre ziemlich faltenlos aus.
Ja, er ist mir zu glatt gebügelt. Das sieht dann nicht mehr gut aus, sondern etwas verfremdet.
Was machen Ihre Tränensäcke, die Sie sich operieren lassen wollten, wie Sie mir in einem früheren Interview sagten?
Meine Tränensäcke stabilisieren alles langsam (lacht). Ich bin weit davon entfernt, mich bei meinem Super-Oberarzt operieren zu lassen. Ich treibe jeden Tag eine Stunde Sport und halte mich an mein Lebensprinzip: Gewicht halten, jeden Tag mindestens 5000 Schritte gehen, besser 10 000, keinen Lift benützen, mediterrane Küche, 23 Uhr ins Bett, sieben Stunden Schlaf und ein glückliches Sexualleben. Dann kann nichts passieren!

(Dieser Artikel erschien erstmals im Mai 2021)