Auch 20 Jahre nach der Flugzeugkatastrophe in Überlingen ist das Erlebte bei Helfern und Angehörigen so präsent als wäre es gestern gewesen. Der Freundeskreis „Brücke nach Ufa“ hatte am Samstag zum Gedenkabend ins Stadtarchiv Friedrichshafen eingeladen. Nur drei angehörige Familien konnten in diesem Jahr aus der russischen Teilrepublik Baschkortostan an den Bodensee kommen. Drei bis vier weitere nahmen per Videoschalte an der Veranstaltung teil.

Enge Freundschaften seien im Laufe der Jahre entstanden, sagte Nadja Wintermeyer, Vorsitzende des Freundeskreises. „Wir haben eine Brücke gebaut zwischen dem Bodensee und Ufa. Und diese Brücke trägt, was auch immer kommen mag“, betonte Wintermeyer, die damals an der Unglücksstelle als Dolmetscherin für die überwiegend russischen Angehörigen der 71 Passagiere, darunter 49 Schulkinder, tätig war.
Für Angehörige ist es schwer, über das Erlebte zu sprechen
Für Tamara Gyalya, die bei der Flugzeugkatastrophe zwei Kinder verloren hat, ist es bis heute schwer, über das Erlebte zu sprechen. „Wir haben die Tränen in den Augen der Helfer gesehen und ihr Mitgefühl, ihr Verständnis und ihre Wärme gespürt“, erinnerte sich die Russin, die als eine der wenigen an den Bodensee reisen konnte.

Ihre Kinder würden ihr bis heute fehlen, aber sie hätten gleichzeitig so viel Gutes hinterlassen. „Ich wollte auch in diesem Jahr einfach hierherkommen und diese Wärme spüren“, sagte Tamara Gyalya.
Erinnerungen an Katastrophe kommen immer wieder hoch
Im Gespräch mit SÜDKURIER-Redakteur Nils Köhler berichteten Günther Feyhl, Erster Polizeihauptkommissar a.D., Bruno Wegmüller, ehemaliger Heimleiter der Camphill-Schulgemeinschaft in Brachenreuthe, und Oliver Weißflog, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Ravensburg, von ihren unmittelbaren Erfahrungen an der Unfallstelle und wie es ihnen heute mit dem Erlebten geht.
„Wir wussten zunächst nicht, was uns erwartet“, erinnerte sich Feyhl. Rettungswege freihalten und Schaulustige abhalten seien die ersten Aufgaben gewesen. Nach 16 Stunden im Einsatz sei er nach Hause gekommen, seine Frau habe ihn umarmt und er habe nur noch geheult. „Eine psychologische Betreuung gab es damals noch nicht“, erklärte der ehemalige Polizist. Seine letzten drei Jahre im Dienst habe ihn das Ereignis nicht mehr losgelassen. Auch heute komme die Erinnerung immer wieder hoch.

150 Meter vom Haus entfernt habe er ein brennendes Heckteil gesehen, berichtete Augenzeuge Bruno Wegmüller. „Mein erster Eindruck nach dem Knall war, dass etwas vom Himmel fliegt. Aber wir wussten in dem Moment nicht, was geschehen ist.“ Der ganze Wald habe geleuchtet und er sei nicht in der Lage gewesen, die 112 zu wählen. Seine Stimme geriet beim Erzählen ins Stocken. „Ich habe nicht erwartet, dass jetzt Emotionen hochkommen, aber es ist einfach so.“ Bis heute streiche er den 1. Juli im Kalender aus. „Mir wurde das Leben geschenkt, anderen wurde es genommen.“ Entstanden seien tiefe Freundschaften. „Beide Seiten können sehr viel voneinander gewinnen“, so Wegmüller.
Katastrophe im persönlichen Lebenslauf immer präsent
Für Oliver Weißflog, damals junger Polizist und THW-Helfer, ist der Einsatz in Überlingen nach wie vor der größte und emotionalste seines Berufslebens. „In meinem persönlichen Lebenslauf wird die Katastrophe immer präsent sein“, sagte er auf Nils Köhlers Frage, ob es für ihn ein Davor und Danach gebe.
Zusammen mit 100 weiteren Helfern war Weißflog auf Einladung zu Besuch in Baschkortostan gewesen. „Die Angehörigen waren sehr dankbar für die Arbeit der Rettungskräfte, insbesondere für die Suche und Identifizierung ihrer Lieben.“ Es sei für sie sehr wichtig gewesen, die Verstorbenen mit nach Hause nehmen zu können.
Jens Lachenmayr, Liedermacher aus Überlingen, schilderte, wie er die Unglücksnacht im Teilort Bambergen erlebt hat. „Ich bin durch einen dunklen Schlag am Himmel aufgewacht.“ Nur mit Ausweis sei er die nächsten zwei Wochen ins Dorf gekommen. Am beeindruckendsten seien die Begegnungen und der Austausch mit den Menschen, sagte Lachenmayr, der ebenfalls schon zu Besuch in Russland gewesen ist.

Das frisch aufgenommene Video einer Bardin mit der russischen Version seines Liedes „Nicht vergebens“ berührte die Gäste der Gedenkfeier. „Ich wünsche mir, dass das Lied in Russland seinen Weg nach Ufa findet“, so Lachenmayr.
Tiefe Dankbarkeit gegenüber den Helfern
Ella Karinova lebt seit zehn Jahren in Deutschland und war mit ihrer Familie aus Aschaffenburg zur Gedenkfeier gekommen. Beim Flugzeugabsturz am Bodensee ist ihre damals 29-jährige Stiefschwester ums Leben gekommen. „Unser Papa in Ufa freut sich so, dass ich heute hier bin“, berichtete sie. Auch sie verspüre gegenüber der Menschen und früheren Helfer am Bodensee eine tiefe Dankbarkeit.
Taras Kostenko, der bei dem Flugzeugunglück seine Schwester verloren hat, lebt mit seiner Familie seit seiner Flucht aus Charkiw seit einigen Wochen am Bodensee. „Dieser Ort verbindet uns in Trauer und Schmerz, trotzdem zieht es uns hierher“, schilderte er.

Fotoausstellung zum 20. Jahrestag der Flugzeugkatastrophe
Zum Jahrestag der Katastrophe stellte der Freundeskreis das deutsch-russische Buch „20 Jahre – 20 Geschichten der Freundschaft“ vor. „Wir wollten in erster Linie die Leute sprechen lassen“, sagte Marina Galetskaya vom Freundeskreis „Brücke nach Ufa“.

An eindrückliche Momente im Laufe der 20 Jahre seit der Flugzeugkollision erinnert die Fotoausstellung des baschkirischen Künstlers Ramil Kilmamatov im Friedrichshafener Stadtarchiv. „Er hat viele bewegende Szenen festgehalten“, so Galetskaya. Zu sehen ist die Ausstellung noch bis Freitag, 8. Juli.
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