Seit dem Fahrplanwechsel im Dezember 2023 ist das Land Baden-Württemberg Träger des Schienenverkehrs auf dem Seehäsle zwischen Radolfzell und Stockach. Betrieben wird die Strecke nun von der DB-Regio, zuvor war es die Südwestdeutsche Landesverkehrs-GmbH (SWEG). Mit dem Trägerwechsel verbunden war die Hoffnung auf häufigere, vor allem aber bessere Verbindungen. Zumindest Letztere wurde jedoch enttäuscht: Fahrgäste beklagen Zugausfälle und verpasste Anschlüsse.
Das nahm der SPD-Landtagsabgeordnete Hans-Peter Storz zum Anlass, bei der Landesregierung wesentliche Daten zur Qualität des Seehäsle abzufragen. Das Urteil der Landesregierung unterscheidet sich nicht von der täglichen Pendler-Erfahrung: „Akzeptabel, aber nicht zufriedenstellend“ sei das Niveau auf der Seehäsle-Linie, gab das Stuttgarter Landes-Verkehrsministerium in außergewöhnlicher Offenheit zu. Dies teilte das Büro des SPD-Abgeordneten Storz in einer Presseinformation mit.
Ausfallquote von 9,42 Prozent
Seit dem letzten Fahrplanwechsel fährt die Bahn-Tochtergesellschaft DB Regio das Seehäsle tagsüber im Halbstundentakt. Von Dezember 2023 bis Ende Mai 2024 habe das Land exakt 10.000 Züge für die 17,3 Kilometer lange Bahnlinie zwischen Radolfzell und Stockach bestellt. 972 davon fielen ganz oder teilweise aus, heißt es in der Mitteilung. Gerechnet in Zug-Kilometern seien 16.914 Kilometer von bestellten 179.464 Kilometern nicht gefahren worden. Daraus errechnet sich eine Ausfallquote von 9,42 Prozent. „Das ist alles andere als zuverlässig und keine Werbung für den Schienenverkehr“, wird Hans-Peter Storz zitiert.
Besser seien dagegen die Pünktlichkeitswerte gewesen. Von Januar bis Ende August 2024 schwankte die Quote zwischen einem Tiefstwert im Juli von 96,2 Prozent und einem Höchstwert von 98,4 Prozent im März 2024. Allerdings sei März der Monat mit der höchsten Ausfallquote.
Streiks waren Grund für die Zugausfälle
Warum fielen die Seehäsle-Züge aus? Für die stärksten Beeinträchtigungen sorgte der Arbeitskampf im März 2024. Aufgrund von Streiks fielen in diesem Monat 25,55 Prozent der bestellten Züge aus, heißt es in der Presseinformation. Auf den Gesamtzeitraum bezogen seien dies immer noch 5,81 Prozent. Probleme mit der Bahninfrastruktur sorgten 2024 für eine Ausfallquote von weiteren 0,48 Prozent.
Wenn keine Züge fahren können, organisieren die Eisenbahnverkehrsunternehmen die bei den Fahrgästen gefürchteten Schienenersatzverkehre. Auf der Seehäsle-Linie mussten die Fahrgäste bis Ende Mai dieses Jahres 360 Mal mit dem Bus vorliebnehmen. Alle Verkehrsverträge des Landes sehen mittlerweile Vertragsstrafen vor, wenn die Betreibergesellschaften ihre vertraglichen Verpflichtungen unzureichend erfüllen. Storz wollte laut Mitteilung wissen, wie viel das Land beim Seehäsle an diesen sogenannten Pönalen eingenommen hat. Doch hier blieb die Regierung die Antwort unter Verweis auf den Datenschutz schuldig.
Das Schienennetz gehört dem Landkreis
Während landesweit der Zustand des Schienennetzes als ein Hauptgrund für die Klagen über die Unzulänglichkeiten im Regionalverkehr gelte, sei dies beim Seehäsle ein untergeordnetes Problem. Einfache Erklärung: Ein Teil der Strecke und die Haltepunkte zwischen Stahringen und Stockach gehören nicht etwa der Infrastruktur-Tochter der Deutschen Bahn InfraGO, sondern einem Eigenbetrieb des Landkreises, dem EVU Seehäsle, erläutert Storz. Der Landkreis hatte die Strecke 2006 zum Preis von 275.000 Euro der Bahn abgekauft.
Das Eisenbahnverkehrsunternehmen DB Regio habe derzeit nicht nur beim Seehäsle, sondern landesweit Probleme mit der Verfügbarkeit des Zugmaterials, so das Verkehrsministerium. Dies liege teilweise an Verzögerungen in der Instandhaltungswerkstatt der DB Regio in Ulm. Dadurch sei es wiederholt zu verkürzten Zügen und damit zu einem stark verringerten Sitzplatzangebot gekommen. Nicht nur für das Seehäsle habe das Land daher eine Vereinbarung mit der DB Regio unterzeichnet, die zu einer ausreichenden Fahrzeugverfügbarkeit führen solle. In diesem Rahmen wurde vereinbart, dass die Strafzahlungen, die den Eisenbahnverkehrsunternehmen bei schlechter Leistung auferlegt werden, stark steigen, wenn diese die Verantwortung für Zugausfälle trügen.
Storz spricht sich für festgeschriebene Qualitätskriterien aus
Diese Vereinbarung zwischen dem Land und der DB Regio sei jedoch nichts anderes als eine kurzfristige Notlösung, so bewertet Hans-Peter Storz die Antwort. Besser sei stattdessen die feste Verankerung von Qualitätskriterien wie Pünktlichkeit, Sitzplatzkapazität, WLAN in Regionalzügen und nicht zuletzt die Ausfallsicherheit in den Verkehrsverträgen, die das Land mit den Eisenbahnverkehrsunternehmen abschließe. „Ich hoffe, dass dies bei der Neuausschreibung der Seehas-Linie auf jeden Fall berücksichtigt wird,“ sagte der Abgeordnete.