Den Singener Poppele ist mitten in der Pandemie beim Narrenspiegel eine Balanceakt zwischen Corona, Tradition und Moderne geglückt. Zum ersten Mal in der Geschichte der Zunft gab es den Narrenspiegel komplett als Online-Version. Und was Kameramann Claudius Paul und Tonmann Denis Fischer mit dem gut 50-minütigen Film geglückt ist, schreit sprichwörtlich nach einer Zugabe. Wer nun glaubt, dass der Online-Narrenspiegel ein Verrat an der Tradition der Narretei ist, der irrt. „Alle traditionellen Figuren der Poppele haben ihren Auftritt. Wir sind auf diesen Narrenspiegel unglaublich stolz“, sagt Zunftmeister Stephan Glunk bei der Vorpremiere des Films.

Der Poppele hat im Online-Narrenspiegel der Poppele-Zunft natürlich auch seinen Auftritt. So viel sei verraten: Er sorgt für einen ...
Der Poppele hat im Online-Narrenspiegel der Poppele-Zunft natürlich auch seinen Auftritt. So viel sei verraten: Er sorgt für einen Stromausfall am Bahnhof. | Bild: Poppelezunft

Über 40 Stunden Dreh- und Schnittarbeiten liegen hinter den beiden Verantwortlichen Claudius Paul und Denis Fischer, bis es der Film auf die Leinwand gebracht hat. Entstanden sind zehn Szenen mit einer Länge von drei bis sechs Minuten, die immer wieder durch musikalische Narrenprachtstücke des Fanfarenzuges vor herrlichen Kulissen eingeleitet werden.

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Und schon zum Auftakt zum närrischen Evergreen „Hoorig isch de sell“ wippen Zunftmeister Stephan Glunk, Zunftkanzler Ali Knoblauch und Säckelmeister Holger Marxer mit ihren Schuhen im Takt und verdeutlichen damit: Sie sind bereit für ein Stückweit normale Fasnet. Und genau die bietet der Online-Narrenspiegel.

Tanzend über die Ruine der Scheffelhalle

Den Poppele ist mit ihrem Online-Narrenspiegel ein närrisches Stück geglückt, das vor Lokalkolorit nur so strotzt. Politische Nachrichten gibt es zuhauf. Schon zum Auftakt setzen Narrenvadder Peter Kaufmann und Narrenmodder Ekke Halmer den Ton. Tanzend schweben sie über die Ruine der Scheffelhalle. Die Botschaft unmissverständlich: Die Scheffelhalle muss wieder her.

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Und als wäre der närrische Druck auf die Stadtverwaltung und den Gemeinderat mit diesem Statement nicht schon hoch genug, zurren die Narren den Zeitplan mit ihrer Schlusseinblendung fest: Am Freitag, 24. Januar 2025, wird die neue Scheffelhalle beim Neujahrsempfang wiedereröffnet. Kurz darauf, am Samstag, 22. Februar 2025, findet der Zunftball dort statt.

Geht dem Hohentwiel eine Leuchte auf?

Bestens ausgeleuchtet zeigen sich die Szenen den Betrachtern. Deutlich weniger Lampen sehen die Poppele für den Hohentwiel. „Beleuchten und mit Flutlicht bestrahlen, das will man unseren Hausberg, den Hohentwiel, da frag ich mich: wer soll das bezahlen?“, ruft Simon Götz den Zuschauern in seiner Büttenrede zu.

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Für die Ideengeber folgt seine Antwort auf dem Fuße: „Vor Ort sein heißt auf die Berge zu laufen, statt sich einen schönen Hegau mit Scheinwerferlicht zu erkaufen.“ Rumms, das hat gesessen. Und dennoch: Seine Büttenrede ist scharf und pointiert, gespickt mit Witz und der passenden Portion Spott. Aber sie geht nicht auf Kosten jener, die er ins Visier nimmt. „Denn viele, die vom Tourismus profitieren wollen, wissen nicht mal, wie sie auf einen Berg kommen sollen.“

„Heidenei, wann isch Corona vorbei?“

Musikalisch wird es beim Auftritt von Zunftmeister Stephan Glunk. Seine Nummer gehört zu einem Narrenspiegel der Poppele dazu wie die blau-weiß gestreiften Socken eines Rebwieb. Der politische Rundumschlag fällt dieses Mal aus. Was stattdessen folgt, ist eine Huldigung an die Fasnet. Aber trotz allem närrischen Scharfsinn, den sein Mundart-Ständchen liefert, auf die Frage „Wann isch endlich, heidenei, des Corona mal vorbei?“, hat auch Glunk keine Antwort. Aber: Sein Lied macht selbst dem letzten Skeptiker Mut, dass Fasnet 2022 stattfinden wird – nur eben anders.

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Nach der Vorpremiere in der Zunftschüür zeigen sich die Mitwirkenden hinter und vor der Kamera mit ihrem Werk zufrieden. Zunftkanzler Ali Knoblauch, der laut Zunftmeister Stephan Glunk zusammen mit Narrenmodder Ekke Halmer zu den treibenden Kräften für die Online-Version zählt, ist zufrieden. „Wir wollten mit dem Film bewusst eine Tradition aufrecht erhalten, die Corona zuletzt stark ausgebremst hat“, sagt er. Knoblauch sieht in der neuen Variante aber auch eine Chance: Sonst würden in einem Jahr etwa 1000 Zuschauer den Narrenspiegel sehen. „Online sind viel mehr drinnen“, sagt er.

Wer ist dieser Berni-Boy

Ein einziges Manko bleibt nach der gelungenen Vorpremiere dann doch: Der Applaus, der den Darstellern sonst entgegenbrandete, fällt dieses Mal aus. Das ist der einzige Nachteil des ersten Online-Narrenspiegels. Und wer jetzt wissen will, weshalb ein gewisser Berni-Boy seinen Radweg vergessen hat, der sollte sich den Narrenspiegel online gönnen.