Im März herrschte noch schlechte Stimmung in der Fahrradbranche. Schließlich gab es direkt zum Saisonstart den Lockdown und die Händler mussten schweren Herzens ihre Läden, prall gefüllt mit neuen Modellen, schließen. „Da hat es uns echt kalt erwischt und wir dachten: was machen wir denn mit nun mit der frisch bestellten Ware?“, erinnert sich Sandro Sterzai vom gleichnamigen Radladen in Friedrichshafen. Wer keinen etablierten Online-Shop hatte – und das war der Großteil – blickte während der sechswöchigen Zwangsschließung verständlicherweise wohl eher sorgenvoll in die Zukunft.

Händler: „Ja, wir sind Corona-Gewinner“
Doch das sollte sich mit der Öffnung der Läden schnell ändern. „Wir wurden wirklich überrannt“, sagt Sterzai, „hätten wir mehr Manpower gehabt, hätten wir noch mehr geschafft.“ Irgendwann mussten Sterzai und sein Team sogar Reparaturen von Fremdrädern abweisen, sich auf das Kerngeschäft, den Verkauf von E-Bikes konzentrieren. „Es tut weh, das zu sagen, aber, ja: Wir sind Corona-Gewinner“, erklärt er.

Der Hauptgrund aus seiner Sicht für die vielen E-Bike-Käufe: Die Menschen hatten durch Kurzarbeit und Homeoffice mehr Zeit – und brauchten einen Ausgleichssport. „Bei uns gingen besonders die sportiven Mountainbikes stark“, erklärt der Fahrradhändler.
Besonders im Trend: Sportliche E-Mountainbikes
Diese Beobachtung machte auch Ronellenfitsch vom Zweirad Joos E-Bike-Center in Immenstaad: „Die Fullys, also vollgefederten Mountainbikes“, gingen extrem gut, zeitweise waren wir in manchen Bereichen fast ausverkauft.“ Besonders der Mai und der Juni seien so verkaufsstarke Monate gewesen, wie er es bisher noch nie erlebt hatte. „Mit jeder schlechten Voraussage, was den Sommer und den Auslandsurlaub anging, kamen mehr Menschen zu uns, um ein Rad zu kaufen“, erinnert er sich.

Statt dem Sommerurlaub gab es also das E-Bike, um sich das Zuhausebleiben etwas zu verschönern. Das bestätigt auch Walter Zwinger von Fahrrad Keller in Friedrichshafen: „Wir konnten die schlechten Wochen der Schließung direkt wettmachen, weil die Leute ihr Urlaubsgeld in Räder umgesetzt haben.“ Bei ihnen seien zu 90 Prozent E-Bikes über den Verkaufstisch gegangen.
Nicht nur E-Bikes wurden verkauft
Doch auch Händler, die nicht ausschließlich E-Bikes vertreiben, spürten den Fahrrad-Boom. „Es wurden bei uns schon auch viele E-Bikes gekauft, aber auch Rennräder erlebten ein Comeback“, berichtet Richard Dämpfle, Inhaber von Saikls in Meckenbeuren. „Viele entdeckten den Radsport wieder neu und merkten: Das macht in unserer Region ja richtig Spaß“, sagt er.
Aktuell wartet er, wie alle anderen Händler auch, auf die 2021er-Ware. „Wir spüren schon, dass die Lieferketten der Hersteller noch nicht ganz intakt sind und erwarten einen Rückstau bis ins Frühjahr„, erklärt Dämpfle. Von der Rohstofflieferung über die Rahmenproduktion in Asien bis zum Bau der Akkus – nahezu alle namhaften Hersteller kämpfen während der Krise mit den gleichen Problemen.

Liefersituation hat sich noch nicht normalisiert
Für Händler in der Region bedeutete das vor allem: Sie mussten so früh wie möglich nachbestellen – und das erstmals seit Jahren ohne die große Leitmesse Eurobike, die normalerweise zwischen Juni und September in Friedrichshafen stattfindet, und Hersteller und Produzenten aus der ganzen Welt anlockt. „Wir haben in diesem Jahr sehr früh bei Hersteller-Hausmessen und in virtuellen Meetings bestellt, rechnen aber trotzdem mit Verspätungen“, sagt Ronellenfitsch von Zweirad Joos.
„Unsere ersten 2021-Modelle sind bereits eingetroffen“, vermeldet Zwinger von Fahrrad Keller in Friedrichshafen. Teilweise gebe es bereits Vorbestellungen von Kunden. „Aber die Liefersituation ist noch nicht normalisiert, viele Räder sind noch nicht verfügbar“, sagt er. Wenn Kunden also ein ganz bestimmtes Fahrrad suchen, sollten sie am besten frühzeitig in den Laden kommen, damit noch alle Größen und Farben der 2021-Kollektion verfügbar seien.