Der Ansturm war gewaltig: Im Jahr 1976 standen 534 Eltern Schlange, um ihre Kinder für die neue Orientierungsstufe der Kooperativen Gesamtschule Konstanz-Wollmatingen anzumelden. Viele wurden enttäuscht. Das für 26 Millionen Mark errichtete neue Bildungshaus durfte in die fünften Klassen nur 300 Kinder aufnehmen. Seit 1987 trägt es den Namen Geschwister-Scholl-Schule.
Unterricht sollte ohne Trennwände stattfinden
Heute ist diese ein Fall für die bauliche Sanierung. Doch vor 43 Jahren galt sie als eine der modernsten pädagogischen Einrichtungen in der Region. Die Kooperative Gesamtschule durchbrach die Grenzen des dreigliedrigen Schulsystems, schaffte einen Ganztagesbetrieb, Raum für Freiarbeit und wollte ursprünglich sogar ohne Trennwände im Unterricht auskommen, wie sich Wolfgang Müller-Fehrenbach erinnert, einer der Gründungslehrer und späterer Rektor der Schule. „Das Ding ist ein Eldorado für pädagogische Geschichte“, sagt der heutige Schulleiter Thomas Adam.

Von der Idee, auf Trennwände zu verzichten, sei man nach Anschauungsfahrten zu Schulen, die das schon probiert hatten, wieder abgerückt, sagt Müller-Fehrenbach. „Es war zu laut.“ Bis heute aber habe die Schule flexible Wände, die sich neu gruppieren lassen. Unter den damaligen Entwürfen für die künftige Schule sei auch ein faszinierend futuristischer gewesen, der Klassenzimmer in achteckigen Wabenformen vorsah.
Käfige mit Vögeln statt Schlüsselübergabe
Wolfgang Müller-Fehrenbach räumt ein, er habe ein wenig mit dieser Idee geliebäugelt, doch das Kostenrisiko wäre hoch gewesen. Es sei dann der Entwurf des Architekten Herbert Schaudt zum Zuge gekommen. Zur Eröffnung hatte dieser keinen Schlüssel, sondern Käfige mit zwitschernden Vögeln überreicht, als Symbol dafür, dass es in der Gesamtschule fröhlich zugehen solle.
Sensationell neues Konzept der Ganztagsschule
Schon Ende der 60er-Jahre hatte die Stadt Konstanz nach Lösungen für ihr Raumproblem an den Schulen gesucht. Die Klassen waren übervoll. „Im Ellenrieder-Gymnasium saßen die Schüler im Keller“, sagt Müller-Fehrenbach. Es sei damals klar geworden, rechtsrheinisch fehlt eine große Schule. 1969 fiel der Grundsatzbeschluss im Gemeinderat, einen neuen Schultyp zu verwirklichen, der zunächst als Ganztagsbetrieb konzipiert war. „Das war sensationell für Konstanz.“

Es folgten strittige Diskussionen. Der Ganztagsbetrieb stand in der Kritik, aber auch das gesamte Bauvorhaben. Manche hatten Angst, es werde über die Verhältnisse gebaut, weil langfristig geburtenschwache Jahrgänge zu erwarten seien. Wobei die Bodanrück-Gemeinden auch immer ins Einzugsgebiet der heutigen Scholl-Schule gerechnet wurden. Die Sorgen blieben unberechtigt. „Wir mussten Schüler abweisen“, erinnert sich Wolfgang Müller-Fehrenbach an die Anfangsjahre.
Schon damals habe es „heiße Debatten“ um die Frage gegeben, ob das dreigliedrige Schulsystem jedem Kind gerecht werde, sagen Thomas Adam und Wolfgang Müller-Fehrenbach. Die Kooperative Gesamtschule startete mit einer Orientierungsstufe, die ursprünglich unabhängig war von Leistungsgruppen und dem dreigliedrigen Schulsystem. Erst schrittweise folgte die Differenzierung.

Kein Schüler musste sitzen bleiben
Es sei genau betrachtet worden, wie ein Kind gefördert werden kann und und an welcher Stelle es am richtigen Platz ist. Besonders starke Schüler konnten im zweiten Halbjahr der fünften Klasse das Frühlatein als zweite Fremdsprache neben Englisch wählen. In der Orientierungsstufe blieb kein Schüler sitzen, sondern wechselte bei Bedarf zwischen verschiedenen Leistungsniveaus und erhielt Förderunterricht.
In den beiden Eingangsjahren stand neben den klassischen Fächern auch eine fachliche Orientierung auf dem Lehrplan. Im Angebot war Wahlunterricht auf Feldern wie Handwerk/Hauswirtschaft, bildende Kunst, Musik, Sport, Sprache, Mathematik, Naturwissenschaft und Technik. Erst ab der siebten Klasse besuchten die Kinder Hauptschule, Realschule und Gymnasium, ein Wechsel sollte durch anfangs stark angeglichene Lehrpläne erleichtert werden. Wahlangebote wurden gemeinschaftlich wahrgenommen.
Ganztagsschule wurde freiwillig
Der Austausch über die Schulgrenzen hinweg sei auch für die Lehrer belebend gewesen, sagen der aktuelle und der frühere Rektor. Üblicherweise werde im Schulbetrieb wenig über die Unterschiede gesprochen. In der Geschwister-Scholl-Schule aber sei dies bis heute anders. Das ursprüngliche Konzept wurde mehrfach verändert, so wurde etwa nach zwei Jahren aus der verpflichtenden Ganztagsschule ein freiwilliges Angebot.

Tote Bäume für den Schulbau
Für die Schule mussten Bäume fallen, was die Menschen schon in den 70er-Jahren bewegte. Eine im SÜDKURIER erschienene Beilage zur Eröffnung macht aufmerksam, wie sehr man um einen Bau bemüht war, der sich in die Natur einfügt: „Auf keinen Fall durfte eine hohe, schwere und dunkle Baumasse entstehen. Die auszuholzende Fläche wurde auf ein Minimalmaß reduziert.“