210 Meter in den Tiefen des Bodensees schlummert ein 124 Tonnen schwerer Koloss: das 1932 versenkte Dampfschiff Säntis.
Für den Schiffsbergeverein Romanshorn ist die 48 Meter lange, 11 Meter breite Säntis nicht einfach ein Wrack, sondern ein Schatz. Einer, der wieder hergerichtet und ausgestellt werden soll. Daran arbeiten der Verein und sein Präsident Silvan Paganini seit etwa einem Jahr. Im April wollen sie das Dampfschiff aus dem Bodensee ziehen. Dafür mussten die Schiffsfreunde um Paganini viele Hürden überwinden. Eine Chronik.
Die Vorstellung des Riesenprojekts: Wer stemmt die Finanzierung?
„Eine Reise ins Ungewisse“ und „ein bahnbrechendes Vorhaben“, nannte Silvan Paganini die Bergungsaktion bei der Vorstellung seines Projekts. Immerhin präsentierte er im April 2023, wie er das Wrack aus 210 Metern Tiefe bergen will. Die wichtigste Erkenntnis an diesem Tag: Das Projekt ist möglich.

Die Vorgehensweise war bis dahin noch ungeklärt. Die Finanzierung des Projekts lief über Crowdfunding. Also kam es darauf an, wie viel Geld von privaten Unterstützern zusammenkommt. Paganini stellte dazu zwei Vorgehensweisen vor: die Bergung mit der Motorfähre Euregia und eine Bergung per Hebesäcken. Die Unterschiede lagen vor allem in den Kosten und dem Risiko für das Wrack.
Die Finanzierung steht vor dem Scheitern
Kurz vor dem Ablauf der Spendensammelfrist gab es einen Rückschlag für das Team. Es fehlten noch 55.000 Schweizer Franken und das Kulturamt des Kantons Thurgau sagte überraschend die übrige Finanzierung ab. Der Grund: Die Verantwortlichen sahen keinen Mehrwert in der Bergung. „Das ist wie ein Messerstich in den Rücken“, sagte Paganini damals.

Ohne den Mindestbetrag von 196.000 Franken wäre das Projekt erst mal auf Eis gelegt worden. Doch der Präsident des Schiffsbergevereins gab die Hoffnung nicht auf. Er kämpfte für eine Verlängerung der Frist, um das Kulturamt doch noch zu überzeugen.
Das Geld kommt doch noch zusammen – Startschuss für das Projekt
Und Paganini war erfolgreich. Er konnte dem Finanzierungsprogramm lokalhelden.ch der Schweizer Raiffeisenbanken eine einmonatige Verlängerung abringen. Am 23. August 2023 verkündete der Projektleiter dann sogar, dass der Mindestbetrag erreicht wurde.

Doch für Paganini und den Schiffsbergeverein ging die Arbeit damit erst los. Projektteile mussten bestellt und der Bergungsversuch genau geplant werden. Der Verein rechnete mit einem einen ersten Bergungsversuch Anfang des Jahres 2024.
Die Hebesäcke kommen, doch eine Muschelplage bedroht das Projekt
Der Verein entschied sich dafür, Hebesäcke und eine Bergeplattform zu verwenden. Geplant war, die Säntis, mit den Hebesäcken an Stahlseilen, die unter dem Wrack verlaufen, anzuheben. Damit wählte Paganini die günstigere, aber auch riskantere Methode. Ganze zwölf riesige Hebesäcke kamen im Januar 2024 aus China über Hamburg nach Romanshorn in der Schweiz an.

Das Problem: Die Zeit drängte. Denn die Ausbreitung der Quagga-Muschel am Bodensee drohte auch das Wrack der Säntis anzugreifen und brüchig zu machen. Im Juli 2023 wurde bereits der Kamin der Säntis geborgen, an dem die Muschel gefunden wurde.
Letzte Hürde für die Bergung der Säntis
Im Januar 2024 lief die Frist für Einwände gegen das Projekt aus und auch Umweltbedenken konnten ausgeräumt werden. Im Februar gab es final grünes Licht für die Bergung. Im März sollte es losgehen.

Was passiert eigentlich nach der Bergung? Der Verein teilte mit, dass sie das Schiff wieder herrichten wollen, um es ausstellen zu lassen. Lediglich der genaue Standort war im Februar noch nicht gefunden.
Von 210 auf zwölf Meter – kann das Wrack standhalten?
Im März war es endlich soweit: Die Unterwasserroboter begannen, Leinen unter das Schiffswrack in 210 Metern Tiefe anzubringen und die Bergungsplattform wurde gebaut. ‚Unser Jahrhundertprojekt beginnt“, sagte Paganini.

Das Risiko eines Auseinanderbrechen des Wracks bewahrheitete sich nicht. Die Säntis blieb stabil.
Sieben Zentimeter pro Sekunde – Die Bergung in einzelnen Schritten
Vorsicht bleibt trotzdem das oberste Gebot: Das Wrack muss kontrolliert aus dem Schlick des Seegrunds angehoben werden, um keinen Schaden zu verursachen. Wie das Schritt für Schritt geplant war, sehen Sie hier im Video.

In der Werft kurz vor dem Einsatz der Bergungsplattform und der Hebesäcke
Der schwierigste Teil wird die Anhebung des Wracks sein. „Das schießt dann an die Oberfläche, wie Polizeitaucher ein Auto hochholen“, sagt Silvan Paganini im Video.

Der Präsident des Schiffsbergevereins erklärt im Video zudem, warum sich Bergung und teure Restaurierung lohnen. Paganini plant inzwischen damit, dass das Wrack am 17. April das erste Mal die Wasseroberfläche durchbrechen wird.
Löcher unter dem Wrack der Säntis – Die Welt schaut auf den Bodensee
Der wichtigste Schritt war mit den Robotern vorbereitet worden. Die hatten Löcher in die Sedimente unter der Säntis gebohrt. ‚Unter dem Wrack sieht es aus wie bei einem Schweizer Käse‘, sagt Paganini.

Ab Mitte März schauten Augen aus der ganzen Welt auf die Säntis. Laut Paganini meldeten sich 40 Journalisten, Fotografen und Kameraleute für die Bergung bei ihm an – täglich wurden es mehr. Auch Spenden erreichten den Schweizer aus der ganzen Welt.
Technische Probleme: Die Bergung wird verschoben
Rückschlag kurz vor dem geplanten Start: Die Bergung muss verschoben werden. Der Verein sprach von technischen Problemen – ein Seil war gerissen, außerdem müssen am Tauchroboter technische Teile ausgewechselt werden. Wann kann das Wrack gehoben werden? Ein Zeitplan ist Mitte April offen. „Wir bleiben dran und sind überzeugt, das Dampfschiff ‚Säntis‘ noch in diesem Sommer bergen zu können“, so Vereinspräsident Paganini.
Am Ende bleiben nur Tränen: Endgültiges Aus für die Bergung
Am Wochenende vom 25. und 26. Mai 2024 unternahm der Verein einen neuen Versuch, um das Schiffswrack im Bodensee aus der Tiefe zu holen. Doch technisches Versagen zerstörte den Plan. Silvan Paganini weint – und spricht vom endgültigen Aus für die Bergung. Das Jahrhundertprojekt – sein Lebensprojekt – ist gescheitert.