Liebe Yanni Gentsch,

es gibt Momente, in denen eine einzelne Frau etwas tut, wofür viele andere lange keine Kraft hatten. Im Februar waren Sie Joggen, ganz normal, wie immer. Bis Sie den Schatten eines Mannes bemerkten, der, auf dem Fahrrad sitzend, hinter Ihnen herfuhr und Ihren Po filmte. Sie hatten den Mut, ihn zur Rede zu stellen. Sie haben ihn gezwungen, das Video zu löschen. Und was sagte er? Er sagte: „Aber warum ziehen Sie denn so eine Hose an? Es gibt auch normale Hosen.“

Sie waren aber total im Recht, als Sie erwiderten, dass Ihre Kleidung keine Einladung sei. Wie schrecklich, dass es noch immer Männer gibt, die den Frauen die Schuld für ihr eigenes, übergriffiges Verhalten geben wollen. Nicht nur das muss sich ändern.

Auch, wenn der Vorfall schon ein paar Monate her ist, setzen Sie sich noch immer dafür ein. Sie filmten das Gespräch und hatten trotz des Beweises keine Chance, die Tat bei der Polizei anzuzeigen. Warum? Weil Sie bekleidet im öffentlichen Raum unterwegs waren. Heimliche Videoaufnahmen sind bislang nur strafbar, wenn der Frau unter den Rock oder nackte Haut gefilmt wird.

Die geltende Regel schützt nur die Täter

Diese Grauzone schützt im Moment nur die Täter, nicht die Frauen. Als wäre es keine Belästigung, wenn Frauen aus sexueller Motivation heraus verfolgt und gefilmt werden. Als müssten Frauen das einfach akzeptieren, dass so ein Verhalten unglaublich herabwürdigend ist und der Täter damit durchkommt.

NRW-Justizminister Benjamin Limbach (Grüne, l) nimmt von Yanni Gentsch eine Petition entgegen. Die Kölnerin wurde beim Joggen von einem ...
NRW-Justizminister Benjamin Limbach (Grüne, l) nimmt von Yanni Gentsch eine Petition entgegen. Die Kölnerin wurde beim Joggen von einem Voyeur belästigt, der ihr Gesäß filmte. Weil sie die Tat nicht zur Anzeige bringen konnte, startete Gentsch eine Petition. | Bild: Federico Gambarini/dpa

Genau das akzeptierten Sie aber nicht. Sie setzten eine Petition auf, in der gefordert wird, auch Voyeur-Aufnahmen wie die, die von Ihnen gemacht wurde, unter Strafe zu stellen. Bereits mehr als 120.000 Menschen unterstützen Sie dabei. Und dafür muss ich Ihnen einfach mal Danke sagen. Zuerst für Ihren Mut, den Mann zur Rede zu stellen. Sie haben sich damit aus der Hilflosigkeit befreit, die viele Frauen in so einer Situation empfinden.

Zumeist schwingt ja die Sorge mit, den Männern, die solche Taten begehen, körperlich unterlegen zu sein. Dass hingegen Sie ihn filmten und den Fall öffentlich machten, war ein wichtiger Schritt. Sie sind damit ein Vorbild für viele andere Frauen. Denn oft hat man das Gefühl, allein zu sein, auch in der Öffentlichkeit. Auch das muss sich ändern. Mehr Solidarität würde beispielsweise helfen.

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Deswegen muss ich Ihnen auch dafür danken, wie sehr Sie kämpfen. Dass Sie die Tat nicht einfach hinnehmen und versuchen, zu vergessen. Sondern dass Sie sich einsetzen. Für sich selbst, aber auch für alle Frauen, die bereits ähnliche Erfahrungen machen mussten. Es braucht Frauen wie Sie, die den Mut haben, hinzusehen und zu handeln. Und es braucht Ihre Hartnäckigkeit, die eine Gesellschaft daran erinnert, dass Gesetze immer auch Spiegel der Realität sein müssen.

Sie haben eine Debatte angestoßen, die längst überfällig war. Sie haben das Schweigen gebrochen, das viele von uns zu gut kennen. Und Sie haben gezeigt, dass man Grenzen nicht nur ziehen, sondern auch verteidigen kann und muss. Danke.