Heiligenberg: Dorfkapelle übertönt Gestöhn der Zimmermänner beim Narrenbaumstellen
Immerhin rund 200 Fasneter, teils in Zunfthäs, teils in fantasievolle Eigenkreationen gekleidet, hatten sich am Nachmittag versammelt, um einer der entscheidenden Verrichtungen der närrischen Tage beizuwohnen: dem Aufstellen des Narrenbaums. Der routinierten Zimmermannsgilde gelang die leicht halsbrecherisch wirkende Aktion unfallfrei, wenngleich hochprozentige Trinkpausen eingelegt werden mussten.

Die Wintersulgener Dorfkapelle, trotz guten Wetters in gelbe Regenjacken gewandet, übertönte so manches Zimmermannsgestöhn mit stimmungsförderndem Viervierteltakt. Zur Stelle waren selbstverständlich auch die Wurschtwagewieber. Sie übernahmen die Verantwortung dafür, dass rauschfördernde Getränke auf eine solide Unterlage fielen.
Bürgermeister Frank Amann, der um sein Rathaus am Vormittag pandemiebedingt nicht hatte kämpfen müssen, erschien unverletzt, aber kostümiert auf dem Neyer-Balkon und freute sich ins Mikrofon hinein darüber, gemeinsam mit dem Narren-Präsidium „wenigstens dieses närrische Kleinformat möglich gemacht zu haben“. Denn Umzüge und Bunter Abend erlagen den „Corona-Verunordnungen“.

Das Baum-Event wurde anschließend zunächst bei brauchtumsgemäßen Backerzeugnissen im Café Neyer fortgesetzt. Für den Abend öffnete dann der Gasthof Hosbein zu vielfältigem gastronomischem Konsum; Einzelheiten dazu drangen nicht nach außen, wohl aber der Geräusch-Output eines ausgelassenen Narrentreibens.

Sipplingen: Schon am Vorabend sorgen die Hemdglonker für Stimmung
Überall ertönen die vertrauten Karbatschen-Klänge, wie die Narren sie kennen und lieben. Auch in Sipplingen versucht man mit allen Kräften, trotz der Einschränkungen durch Corona, ein närrisches Treiben zu organisieren. Denn für die Sipplinger ist Fastnacht etwas ganz Besonderes. „Ohne Fasnacht kann ich nicht leben“, erzählt Oskar (6), der in Sipplingen zu Hause ist. Derselben Meinung ist auch Victoria (15): „Fastnacht bedeutet für mich das Zusammensein der Menschen, Verkleiden und Feiern gehört natürlich auch dazu. Leider gibt es dieses Jahr fast keine Umzüge.“
Familie Schirmeister wollte aber auch dieses Jahr nicht komplett auf alte Traditionen verzichten. „Fastnacht ohne Familie Schirmeister, das gibt es nicht“, sagt Gabi Schirmeister lachend. Zusammen mit ihrem Mann Wilhelm, schon seit 30 Jahren Präsident der Fastnachtsgesellschaft in Sipplingen, versucht sie, die Fasnet im Ort trotz Corona zum Leben zu erwecken.

Das Hemdglonkern sollte demnach auf jeden Fall stattfinden. „Normalerweise ist das ein richtig großes Event, bei dem man mit Nachthemden eine Runde durch das Dorf zieht und Krach macht. Vor allem den Kindern macht‘s Spaß. Dieses Jahr wird‘s allerdings wahrscheinlich nicht so groß sein“, meinte Wilhelm Schirmeister vor dem Start, während er seinen Bademantel zuband. „Der war auch schon mal größer“, scherzte Gabi Schirmmeister.
Das erste Ziel der kleinen Truppe war der Hänselebrunnen. Unterwegs traf die Familie allerdings doch etliche Hemdglonker, die wohl dieselbe Idee. So war die Vermutung, die Fasnet könnte eher ruhig werden, rasch entkräftet. Die Karawane von ungefähr 50 närrischen Fastnachtsbegeisterten, darunter Ältere, Kinder, aber auch Jugendliche, machte begeistert Lärm und am Hänselebrunnen legten die Narren dann richtig los.
Zu Musik aus großen Lautsprechern sangen alle kräftig. Die Fastnachtsstimmung war bei allen deutlich zu spüren. Der Trupp bewegte sich anschließend weiter, bis er schließlich am Rathaus hielt. Sogar eine Blaskapelle marschierte mit, die fröhliche Fastnachtslieder spielte, zu denen alle wippten und schunkelten. So konnte Fastnacht richtig starten: Denn die Sipplinger lassen sich das Feiern nicht mal von Corona wegnehmen.
Salem: Narren befreien Mäschgerle im Kindergarten
Frickingen: Narrenmutter mit Vollbart und weitere kleine Anlaufschwierigkeiten
Ganz leichte Anlaufschwierigkeiten hatten die Frickinger Narren am Morgen. Mal fehlte ein Tuch, mal ein Hemd. Nach zwei Corona-Jahren ohne Fasnet kein Wunder! „Endlich wieder ein Stück Normalität“, freute sich Rudi Neusch, Fahnenträger der Frickinger Dreckspringer.
Zusammen mit seinen närrischen Kollegen aus den Teilorten Altheim, Leustetten und Bruckfelden zog er durch die Kindergärten im Dorf. Dort wurden die Narren bereits sehnsüchtig erwartet. Noch saßen die Kleinen zurückhaltend auf einer Bank im Garten des Waldorfkindergartens. Doch schon mit den ersten Klängen der Schellen der Narrenpolizisten Stefan Paukner und Andreas Bernecker sprangen sie auf und schunkelten mit. Sogar Waffeln und Sekt für die Großen gab es zur Stärkung, nachdem die Hästräger ihre einzelnen Masken vorgestellt hatten. „Wie springt denn ein Dreckspringer“, wollte ein Bub wissen. Festwirtin Ramona Fruh nahm gleich Anlauf und machte den Sprung gleich praktisch vor.
Bonbons verteilten die Altheimer Drachen. Narrenpapa Michael Baader hielt neben seinem obligatorischen bunten Schirm ebenfalls Gutzele in einem Weidenkorb bereit. Nach Schülerbefreiung und Rathausstürmchen im kleinsten Kreis wurde der Narrenbaum final mit großem Publikum gestellt.

Auch Schlange stehen vor den 2G-Einlasskontrollen, die penibel eingehalten wurden, hielt die Frickinger Mäschgerle nicht davon ab, zusammen mit dem Musikverein abzutanzen und fröhlich zu sein. Bürgermeister Jürgen Stukle bewegte sich mittendrin. Den Rathausschlüssle hatte er beinah kampflos abgegeben.

Das verwaltungsinterne Fasnetsmotto trug er als Abstandsreifen vor sich her. Dass die Narren von den Corona-Lockerungen des Landes quasi überrumpelt wurden, war Narrenmutter Christian Allweier ein wenig anzusehen. Statt glattrasiert trat sie mit Wallemähne und Hut zwar, aber mit Vollbart auf. Für die paar Stündchen Fasnet habe sich das Rasieren nicht gelohnt.
Uhldingen-Mühlhofen: Triumvirat jagt den Schultes aus dem Rathaus

Gut behütet kann Bürgermeister Dominik Männle nun durch die Gemeinde schreiten. Die drei Vorsitzenden der Narrengesellschaften in Uhldingen-Mühlhofen, Andreas Großhardt, Johannes Sulger und Thomas Schinn, überreichten dem Schultes anlässlich des Rathaussturms einen wohl einmaligen Hut. Auf der Kopfbedeckung finden sich die Abzeichen der Narrenvereine der drei Teilorte: der Narrengesellschaft Oberuhldingen, der Puper Unteruhldingen und des Narrenvereins Mühlhofen.
Einmalig war es auch, dass der Rathauschef von den Vertretern aller drei Vereine zeitgleich seines Amtes enthoben wurde – vor Corona ging diese Ehre reihum. Doch bevor Dominik Männle dies Ehrenzeichen erhielt, musste er erst mal in die Schandgeig rein und sich anhören, was die Narren zu beklagen hatten. „Jetzt stand i scho wieder do und kumm id nei in den Rathaussal“, beschwerte sich der Oberuhldinger Narrenpräsident Großhardt. Der Unteruhldinger Vorsitzende Sulger stellte bezüglich der Hutgröße des Gemeindeoberhaupts fest: „Großkopfed bisch trotz kleiner Statur.“
Zudem beklagte er sich in Reimform, dass die Unteruhldinger jetzt auch ein Loch hätten, wie andere Ortsteile. Dabei wünschten sie sich doch viel mehr die „Schorle-Pipeline ins Schtrandbad“. Der Mühlhofer Narrenvater Schinn hob die gemeinschaftliche Aktion hervor. In närrischen Traditionen in den Teilorten gebunden, wolle man heute „närrische Freundschaft und Zusammenhalt bekunden“.

Um aus der Schandgeig auch wieder rauszukommen, übergab Männle den symbolischen Rathausschlüssel, mahnte aber: „Ich gib euch jetz de Schlüssel, passt gut druff uff, ich brauch en noch, verlasst euch druff.“ Wie schon im Vorjahr, als er den Schlüssel nur von oben aus dem Fenster des Rathauses übergeben konnte, versprach der Schultes auch diesmal: „Nächstes Jahr kommt ihr wieder rein.“ Mit einem dreifach donnernden „Narri Narro“ und einem „Hoorig isch die Katz“ bis „Schuppig isch der Fisch“, das schier nicht enden wollte, feierten die Narren die Machtübernahme. Die Narrenmusik spielte entsprechend zum Mitschunkeln auf.
Meersburg: Bürgermeister boostert die Narren

Auch wenn der Stadtsäckel von Meersburg leer ist, ließ sich Bürgermeister Robert Scherer nicht lumpen, als die Narren ihn seines Amtes vorübergehend enthoben. Tapfer verteidigte der Schultes den Schlüssel zum Rathaus und versuchte, Zunftmeister Norbert Waßmer und die städtischen Narren mit einer Riesenbrezel zu bestechen. Zuvor allerdings boosterte er das närrische Volk mit dem gleichnamigen Energiegetränk. Narrenpolizist Thomas Bergmoser beschwerte sich: „Da hätte ich lieber Corona!“

Auch dieser Bitte kam der Bürgermeister nach und kredenzte das gleichnamige Bier. Nur den Wunsch aus den Reihen der Narrenkapelle nach dem passenden alkoholischen Meister für den „Gummibärlesaft“ konnte nicht erfüllt werden.
Der Zunftmeister wunderte sich über die Farben der Luftballons, welche das Rathaus schmückten. „Gelb und blau, das sind die Stadtfarben, aber was wollt ihr uns mit den pinkfarbenen Ballons sagen?“ Die seien fürs Vineum, schallte die Antwort aus den Fenstern.
Da der Narrenbaum diesmal das Rathaus nicht überragte, sondern auf Höhe des Amtszimmers des Bürgermeisters endete, guckte Robert Scherer ein Stockwerk auf die Narren hinab. Die Nähe zum närrischen Volk verlieh ihm wohl Mut und so stellte er sich in der dennoch luftigen Höhe kühn aufs Fensterbrett. Angesichts Scherers waghalsigen Auftritts bediente sich der Meersburger Zunftmeister am Narrenruf der Stettheimer Nachbarn und meinte: „Bürgermeister, kumm rab!“ Wäre die Fenster-Szene unglücklich ausgegangen, hätte Waßmer auch gleich einen Termin für mögliche Neuwahlen des Bürgermeisters parat gehabt. Doch glücklicherweise blieb Robert Scherer standhaft. Nur dem Ruf nach dem Rathausschlüssel konnte er nichts entgegensetzen.

Trotz aller Bestechungsversuche an den Narren musste der Schultes den Schlüssel zum Rathaus am Ende doch hinunterlassen. „Wenn ihr dann endlich Ruhe gebt: Da habt ihr den blöden Schlüssel!“, ergab sich das Stadtoberhaupt. Die Narren dankten mit einem Dreifachen „Ho Narro“ und dem Schnabelgierelied. Anschließend zog die kleine Abordnung der Narren, welche sich auch schon vor der Schule und dem Kindergarten gezeigt hatte, weiter durch die Stadt.
Daisendorf: Narren pflücken sich Rathausschlüssel vom Narrenbaum
Am hochnärrischen Schmotzigen Dunschtig rissen die Bierdeckelpfeifer, die Guggenmusik aus Daisendorf, das schlafende Narrenvolk aus den Träumen. Dann machten sich die Narren auf, den Narrensamen aus den bürgerlichen Zwängen des Kindergarten zu befreien. Schließlich führte der Weg in das politische Herz ihrer Hochburg: Doch der geplante Rathaussturm drohte zu scheitern! Das hohe Haus war verschlossen, die Herrin des Baus zeigte sich aus der Honigwabe am offenen Rathausfenster.

Als emsige Biene begrüßte Bürgermeister Jacqueline Alberti die Narren zwar herzlich, aber den Schlüssel zu ihrem Bienenkorb mochte sie dann doch nicht hergeben. Jedoch hing der Schlüssel hoch oben am Narrenbaum und musste nur noch herabgeholt werden. Kein Problem für die Narren, denn die hatten ihren Tag unter das Motto „tierisch wild“ gestellt. Da fand sich schnell einer, der gut klettern konnte.
So konnte Narrenbolizischt Martin Menner der Neuweiher-Fee Marion Kaya, Präsidentin des Narrenvereins Sumpfgeister Daisendorf, den Rathausschlüssel als Zeichen der Machtübernahme im Dorf um den Hals hängen. Der Weg zur Feier auf dem Festplatz vor dem Rathaus, nun die Narrenhochburg, war geebnet.

Das Narrenvolk war vor dem Eingang auf das umfriedete Festgelände vorab auf 3G gecheckt worden. Zu den Klängen der Guggenmusik schunkelten die Narren ausgelassen. Auf der Suche nach den emsigen Bienen aus dem Rathaus blieb der Blick an Zweien ihrer Art hängen: Eine spielte in der Musik, eine trug ihr Narrensämchen vor der Brust. Doch die Bienenkönigin fehlte! Weit und breit um die Narrenhochburg war keine Bürgermeisterin zu sehen. Die Neuweiher-Fee in grellpink entdeckte schließlich die abgesetzte Daisendorfer Herrscherin auf der anderen Seite des Grenzzauns. Trotz bestmöglicher Verkleidung wurde sie erkannt und an der Flucht gehindert. So feierte das Narrenvolk schließlich die geglückte Übernahme der Macht über die Gemeinde – die bekanntlich am Aschermittwoch wieder enden wird.

Stetten: Narreneltern müssen Zustimmungserklärung unterschreiben
Ausgestattet mit einem Versorgungskärrele, rollte die Abordnung der Hasle Maale in Stetten auf Kindergartenvorplatz und Schulhof. Die Allerkleinsten näherten sich der Narrenschar vorsichtig. Die kleinen Prinzessinnen, Feuerwehrleute, Piratinnen und Zwerge beantworteten zunächst verhalten, schließlich aber immer freudiger die Narrenrufe von Zunftmeister Markus Greinwald, Narrenpolizistin Christa Müller und dem Hasle Maa Bernhard Müller. Auch die zuschauenden Eltern hatten ihre Freude.

Vor der Schule wartete ein Programm aus Songs, einem Stuhltanz und Hexeneinmaleins auf die Narren. Gut, dass die närrische Crew um Karin Greinwald morgens in der Früh noch Fasnachtsküchle gebacken und coronakonform verpackt hatte. Die fettgebackenen Leckereien fanden großen Anklang bei den Kids.
Mehr als coronakonform ging es vor dem Rathaus zu. Bürgermeister Daniel Heß und sein Mitarbeiterteam trugen weiße Spezialanzüge der „Ordnungsbolizei“. Der Schultes als selbsternannter Cheffe unterzog das Narrenpaar Elektra und Bernie einer Pandemie-Eignungsprüfung. Ob sie an Fasnachtsverlustängsten gelitten hätten, wollt er wissen – und ob sie fremd gegangen seien, fragte Heß die beiden. „Wenn ja, warum, und, wenn nein, warum nicht?“, reimte er.

Bevor der Rathauschef zur Trauung des Narrenpaars schritt, ließ er das Paar noch eine Zustimmungserklärung unterzeichnen. Das Publikum feixte, als Heß in blauer Badekappe und mit Taucherbrille nach der Zeremonie das Kleingedruckte verlas. Nebenwirkungen von Alkohol dürften keineswegs mit Wasser, sondern nur mit Bier gelindert werden. Um das leidige Problem mit weggeworfenen Hundekotbeuteln in den Griff zu kriegen, verdonnerte er das Narrenelternpaar, nach der Fasnet einmal auszuschwärmen, um die Beutel mit Hundehinterlassenschaften einzusammeln.