Die Idee klingt einfach, aber das Ergebnis kann sich sehen, lesen und letztlich auch hören lassen. Der in Berlin lebende Münchener Joab Nist sammelt Zettelnachrichten, was zunächst einmal nicht spektakulär klingt. Doch mit seinem Bühnenprogramm bewies er den etwa 300 Besuchern im Seegarten auf der Allensbacher Kultur-am-See-Bühne im Rahmen der „umsonst und draußen“-Konzerte am Mittwoch, 27. August, das Gegenteil.

Man sieht sie an Laternenpfählen, in Treppenhäusern oder Aufzügen, in Schaufenstern oder am Scheibenwischer – mehr oder minder freundliche Hinweise von oft anonymen Zeitgenossen. Rad gestohlen, Nachbar zu laut (wobei auch immer), Katze oder Hunde entlaufen, eine Brille verloren oder – auch das gibt es – eine Brille gefunden, Probleme mit dem Müll oder dem Paketboten. Es scheint viele Gründe zu geben, um zumeist an belebten Orten auf etwas hinzuweisen.

Doch da sich bei solchen Gelegenheiten in der Bundeshauptstadt die sehr direkte „Berliner Schnauze“ in Schriftform äußert, stieß Nist auf kreativ-literarisches Treibgut mit reichlich Unterhaltungs- und Vergnügungscharakter, auf Mitteilungen und Botschaften im öffentlichen Raum von romantisch bis aggressiv, von naiv bis sehr skurril und direkt.

Kuriose Nachrichten wie diese lassen sich in Berlin in großer Zahl finden.
Kuriose Nachrichten wie diese lassen sich in Berlin in großer Zahl finden. | Bild: Jürgen Rössler

Zunächst zog er nach seinem Umzug vor nunmehr 15 Jahren von München in die Bundeshauptstadt mit seiner Kamera durch die Straßen, fotografierte besonders originelle Plakate und Aushänge und präsentierte sie in den Sozialen Medien. Mit Erfolg: Über die Jahre wuchs die Zahl seiner Abonnenten auf über 500.000 und diese erfreuen sich nicht nur an Nists Entdeckungen, sie senden ihm auch weitere originelle Exemplare zu.

So entstand eine Art Mitmach-Aktion und das Zettelwirtschafts-Repertoire wuchs dank der Zusendungen stark an. Nist strukturiert die Fundstücke und ist nun nicht nur im Internet erfolgreich, er präsentiert eine kleine Auswahl auch live auf der Bühne in seinem Programm „Notes of Berlin – Aus Liebe zum Alltag“.

Die rund 300 Zuschauerinnen und Zuschauer hatten beim Auftritt von Joab Nist mit seinem Programm „Notes of Berlin – Aus Liebe zum ...
Die rund 300 Zuschauerinnen und Zuschauer hatten beim Auftritt von Joab Nist mit seinem Programm „Notes of Berlin – Aus Liebe zum Alltag“ viel Spaß. | Bild: Jürgen Rössler

Die Berliner Seele in Allensbach

Denn in dieser Kiezkommunikation schlummert jede Menge kreatives Potenzial, wie Nist in einer Art „Spaziergang durch Berlin“ aufzeigt. Er ist sogar davon überzeugt, damit die „Seele der Hauptstadt“ eingefangen zu haben und diese Seele stellte er am Mittwoch den etwa 300 Besuchern im Seegarten vor.

Zwar war nahezu das gesamte Publikum schon mal in Berlin, kennt bereits die Kuppel des Bundestags, den Alex und das Brandenburger Tor. Doch die Reaktionen zeigten, dass diese „Berliner Seele“ sehr weit entfernt von der Gnadensee-Mentalität ist und bei einem normalen Besuch in Berlin auch kaum auffällt. Denn am beschaulichen Gnadensee käme wohl niemand auf die Idee, über eine Strichliste im Treppenhaus die Qualität des lautstarken Geschlechtsverkehrs eines Nachbarpärchens zu bewerten.

Bild 3: Berliner Zettelwirtschaft am Bodensee: Allensbacher werden bestens unterhalten
Bild: Jürgen Rössler

Immerhin gibt es von den wohlmeinenden Nachbarn dann noch einen praxisnahen Tipp: „Wenn Hose auf, dann Fenster zu!“ Doch es sind nicht nur die eher ungewollten Eindrücke aus dem nachbarschaftlichen Schlafzimmer, die mehr oder minder direkt kommentiert werden. So bewertet ein Passant mittels Stift die Qualität der Parkplatzsuche sehr direkt und ironisch mit den Worten „Geil geparkt!“ auf dem Lack.

Vom Parken, nicht nur in Großstädten ein Dauerthema, über den Umgang mit Müll und Paketboten bis hin zu Einladungen für ausgefallene Workshops wie „Tampons selber filzen“ reichte das Spektrum dessen, was in Berlin über Aushänge thematisiert und von Nist kurzweilig, zum Teil auch in Form von Rätseln mit überraschenden Antworten in Allensbach präsentiert wurde.

Einen überaus unterhaltsamen Blick in die Berliner Seele präsentierte Joab Nist am Dienstag im Allensbacher Seegarten
Einen überaus unterhaltsamen Blick in die Berliner Seele präsentierte Joab Nist am Dienstag im Allensbacher Seegarten | Bild: Jürgen Rössler

Das Publikum hatte sichtlich viel Spaß mit dem Blick auf die Befindlichkeiten in Wedding oder Kreuzberg, wenn sich etwa ein Nachbar für den nächtlichen Lärm entschuldigt: „Ich habe mit einem gemeinen Weberknecht um mein Leben gerungen!“