Schon am späten Nachmittag machen sie sich in Scharen auf den Weg gen Klein Venedig. Dirndl, Krachlederne, Janker, Karohemd. Wer zum Oktoberfest geht, der zeigt bajuwarische Flagge.
Im Bierzelt sind alle gleich
Über Sinn und Zweck dieser Camouflage wurde ausgiebig diskutiert. Abhalten lassen sich die Maßkrug-Jünger davon nicht. Warum auch?
Im Bierzelt, auf den Tischen mit den Händen zum Himmel, sind alle gleich. Wen schert es schon, was die Miesepeter und Spaßverderber außerhalb der Fetenzone sagen? Hier bin ich Bayer, hier darf ich‘s sein.
Die Polizei ist präsent, aber kaum sichtbar. Deeskalation als Strategie. Das scheint aufzugehen. Alexander Stärk organisiert und leitet den Einsatz auf dem Oktoberfest. „Die Leute sind vernünftig“, sagt er. „Im Zelt kommt es ab und an mal zu kleinen Handgreiflichkeiten. Aber das ist bei der Menge an Leuten normal.“

Junge, Testosteron geschwängerte Kerle würden sich ganz gerne mal vor der weiblichen Begleitung aufspielen. Zum Beispiel beim Autoscooter oder bei Hau den Lukas. Das war vor 50 Jahren so und das ist heute noch so. „Nichts dramatisches“, so Alexander Stärk.
Deutsche und Schweizer Polizisten
Die vier Beamten der Deutschen Polizei werden von zwei Schweizer Kollegen begleitet. „Es sind ja auch sehr viele Schweizer hier unterwegs“, erklären sie den grenzüberschreitenden Einsatz.

Geregelt wird das durch einen Vertrag zwischen Deutschland und der Schweiz. „Manchmal ist es sehr hilfreich, wenn Schweizer Besucher des Festes Ansprechpartner ihres Landes hier haben“, sagt Alexander Stärk. Unter der Woche bleiben die Deutschen Beamten unter sich, die Verstärkung von der anderen Seite der Grenze ist nur am Wochenende dabei.
Sanitäter des Roten Kreuzes erleben einen ruhigen Abend
Vor dem Festgelände steht des Zelt des Deutschen Roten Kreuzes. Auch die hier engagierten Menschen sind froh, wenn sie nichts zu tun haben. Kreisbereitschaftsleiterin Renate Brugger und ihre Mitarbeiter sitzen am Tisch und sind jederzeit einsatzbereit.

„In diesem Jahr ist es bisher recht ruhig“, sagt sie. „Ein paar Schnittwunden gab es heute, aber wenig Schlägereien. Die Leute scheinen in der Tat vernünftiger zu werden.“ Bei diesen Worten lächelt sie. Wohl wissend, dass sich das von einem Tag zum anderen ändern kann.

„Sensationelle Kameradschaft“
Überhaupt wird hier im Zelt der freiwilligen Helfer viel gelacht. „Die Kameradschaft bei uns ist sensationell“, sagt Martin Kaiser, der mit dem Mikrofon die Einsätze koordiniert. „Wir verbringen sehr viel Freizeit miteinander. Da ist es sehr wichtig, dass wir uns so gut verstehen.“
Hier erhält niemand Geld für seinen Einsatz. Hier wird das Ehrenamt gelebt. „Alle sind froh, dass wir da sind“, sagt Renate Brugger. „Aber niemand will etwas mit uns zu tun haben. Das würde ja bedeuten, dass ein gesundheitliches Problem bestünde.“
Eine Woche Urlaub, um ehrenamtlich mitzuarbeiten
Corinna Studte hat sich für ihre Engagement auf dem Oktoberfest extra eine Woche Urlaub genommen. „Es macht mir sehr viel Spaß, anderen Menschen zu helfen“, sagt sie. „Und wer einmal diesen Teamgeist hier erlebt hat, der macht immer weiter.“
Anerkennung? „Da kommt nichts“
Umso erstaunlicher, dass die Arbeit der freiwilligen Mitarbeiter des Roten Kreuzes nicht wirklich Wert geschätzt wird. Kam denn mal von den Veranstaltern jemand vorbei, um sich zu bedanken? Gab‘s eine schöne Geste der Anerkennung? „Nein, da kommt nichts“, sagt Renate Brugger. „Damit rechnen wir auch nicht. Wir machen das, weil wir es wollen und weil wir es für wichtig halten. Natürlich wäre es schön, wenn wir etwas mehr Anerkennung erfahren würden. Aber das ist für uns nicht entscheidend.“

Während Polizei und Rettungsdienste geduldig auf ihre Einsätze warten, tobt das Volk auf dem Fest. Die Stimmung ist ausgelassen bis euphorisch. Bier fließt in Strömen, die Tische müssen jede Menge aushalten.

Jedes Lied ein Gassenhauer
Die Bands heizen ein, jedes Lied ein Gassenhauer. Wer im Zelt ist, der will tanzen, hüpfen, grölen. Jeder ist mittendrin, statt nur dabei. Die Menschen verschmelzen zu einer homogenen Partymasse.
Das Vorurteil, dass Alkoholleichen den Weg zur Bierschwemme pflastern, bewahrheitet sich zumindest an diesem Tag nicht. Zahlreiche zur zur Hälfte ausgetrunkene Maßkrüge zeugen ebenfalls davon.

Besaufen steht nicht auf der Agenda
Moray Tan und seine Schwester Melek sind mit ihrem Freundeskreis auf dem Oktoberfest. „So lange es keine Probleme gibt, ist das eine großartige Sache“, sagt 19-Jährige. „Wir sind gerne hier und amüsieren uns.“ Besaufen steht nicht auf der Agenda. „Ne, ne“, so die 17-Jährige Melek. „Vielleicht ein Glas Weisweinschorle.“ Da beschwere sich noch mal einer pauschal über die heutige Jugend. Allerdings bestätigen auch hier Ausnahmen die Regel.

Auch eine Gruppe Thailänderinnen feiern sich und das Leben. „Das kennen wir so von unserer Heimat nicht“, sagt eine der Frauen.

„Das gefällt uns. Deutschland ist ein tolles Land mit tollen Menschen.“ Bleibt zu hoffen, dass sie noch mehr sehen als das Konstanzer Oktoberfest.