Im Sommer ans Meer, im Winter in die Alpen, das ist die touristische Realität. Aber ist sie darum schon ein Naturgesetz? Im 18. Jahrhundert gewiss noch nicht. Da galten Gebirgslandschaften und zumal das Hochgebirge als unschöne und „schröckliche“, weil gefahrenreiche Natur. Gebirge mied man lieber, und wer die Alpen überqueren musste, war froh, wenn er sie hinter sich gelassen hatte. In die Berge gehen, sie gar besteigen? Gott bewahre, wozu denn das?
Startschuss einer touristischen Erfolgsgeschichte
Die Wende brachte die Poesie. In seinem berühmten Langgedicht „Die Alpen“ pries Albrecht von Haller exakt zur Mitte des 18. Jahrhunderts die Natur seiner Heimat als erhaben und schön, ihre Bewohner – die Älpler – als unverdorbenen, urwüchsigen Menschenschlag. Den gewaltigen und internationalen Erfolg seines Gedichts, das eine Lawine ins Rollen brachte, könnte man durchaus als Startschuss zur touristischen Erfolgsgeschichte der Alpen bezeichnen. Auch der junge Goethe ging in der Schweiz bekanntlich ins Gebirge.
Etwas Vergleichbares geschah im 19. Jahrhundert mit dem Schwarzwald. Dass das Mittelgebirge im Südwesten Deutschlands einmal zu den beliebtesten deutschen Urlaubsregionen zählen sollte, war eine Folge seiner literarischen, künstlerischen und musikalischen „Erschließung“.
Dichtungen wie Berthold Auerbachs „Schwarzwälder Dorfgeschichten“ oder Jessels Operette „Schwarzwaldmädel“ verliehen dem Schwarzwald eine Aura der Verheißung, der Exzellenz und des ganz Außergewöhnlichen. Später fand solch kostenlose Schwarzwald-Reklame ihre Fortsetzung im Kino – in Spielfilmen wie „Das Posthaus im Schwarzwald“ oder „Die Rosel vom Schwarzwald“.
Preuße verliebt sich in Gutach
In der Ausstellung „Wilhelm Hasemann und die Erfindung des Schwarzwalds“ macht das Freiburger Augustinermuseum jetzt die Probe aufs Exempel – am Beispiel des Werks eines Künstlers, der mit Gemälden, in denen Schwarzwaldlandschaften und Frauen in Tracht mit Bollenhut oft die Hauptrolle spielen, als „Schwarzwaldmaler“ bekannt wurde.
Noch keine dreißig, war Hasemann im April 1880 von Karlsruhe, wo er an der Großherzoglich-Badischen Kunstschule bei dem Landschaftsmaler Gustav Schönleber studierte, nach Gutach gereist, um Studien für Illustrationen zu einer Prachtausgabe eines Schwarzwaldromans von Auerbach zu machen. Der Preuße aus dem Brandenburgischen verliebte sich umgehend in den Ort. Zwei Jahre später wurde er in Gutach ansässig. Hasemann baute ein Atelierhaus, zog eine veritable Künstlerkolonie in den Ort und lebte und arbeitete dort bis zu seinem Tod 1913.
Mit Landschaften wie „Blühender Ginster“, mit Schwarzwaldhöfen in idyllischer Natur oder Gemälden wie „Brautzug im Schnee“ und „Vor der Wallfahrtskirche in Triberg“ mit ihrer voll entfalteten Trachtenfolklore bediente der Künstler in einer zunehmend industrialisierten und technisierten Welt bei seinem Publikum – zu dem in besonderem Maße Stadtbewohner zählten – rückwärtsgewandte Sehnsüchte nach einer im Schwinden begriffenen naturnahen, als sinnhaft verstandenen Daseinsform.
Sogar Touristen aus den USA kannten ihn
Hasemanns Kunst schuf so das Bild des Schwarzwalds als Idylle, besser: Er schuf es in seiner Eignung für touristische Zwecke erst mit – in Buch- und Zeitschriftenillustrationen, in Postkartenmotiven oder Jahresgaben deutscher Kunstvereine, nicht zuletzt in Ausstellungen seiner Bilder, für die er sein Atelier öffnete. Das wurde einmal von 600-700 Besuchern in einer einzigen Woche geflutet – „bis zur Belästigung“, wie er selbst schrieb. Seinen Namen kannte man selbst bei Touristen aus den USA.

Hasemanns mit großem künstlerischem Geschick geschaffene malerische Momentaufnahmen aus dem Alltagsleben im Schwarzwald setzen sich zu einem lebensnahen Bild von Land und Leuten zusammen. Aus Gründen dokumentarischer Genauigkeit nutzte er als einer von wenigen Künstlern der Zeit auch die Fotografie als Hilfsmittel.
Dass er selbst sich als Denkmalschützer und Heimatpfleger verstand und für seine Arbeit „kulturhistorischen Wert“ reklamierte, verwundert deshalb nicht. Dabei transportierte er ein Bild des Schwarzwalds „wie gemalt“, das seine Langzeitwirkung auf den Tourismus keineswegs verfehlte. Nicht umsonst taufte man die erste Schutzhütte des Schwarzwaldvereins 1899 auf den Namen „Hasemannhütte“.
Augustinermuseum Freiburg. Bis 24. März 2024, Di bis So 10-17 Uhr, Fr bis 19 Uhr. Weitere Informationen: http://www.freiburg.de