So viele merkwürdig kostümierte Menschen auf der Treppe: Ob ich mich wohl an ihnen vorbeidrängeln darf? Ob ich mich einfach dazusetzen darf? Dumme Fragen. Natürlich darf ich!

Das ganze Theater Basel ist an diesem Donnerstagabend schließlich Mahagonny. Und Mahagonny, das ist die Stadt, in der „man alles dürfen darf“. So hat es uns schon ein großes Schild am Eingang erklärt: Als Besucher endlich mal auf die Bühne stürmen? Darfst du! Selbst mitspielen? Darfst du! Mit Getränk in der Hand? Darfst du!

Vorerst aber nimmt sich das Ensemble seinerseits alle Freiheiten. Punkt 20 Uhr ist Vorstellungsbeginn, „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“, eine Oper von Kurt Weill mit Texten von Bertolt Brecht. Doch statt auf der Bühne lümmeln die einen hier auf der Foyer-Treppe herum, andere stehen irgendwo im ersten Rang.

Das Orchester spielt irgendwo

„Willkommen in Mahagonny!“, ruft eine Frau mit Federhut und Plüschmantel, während auch schon das Orchester spielt. Wo? Überall! Woher? Keine Ahnung. Die Frau mit Federhut grüßt von einer Videowand. Auf einem Bildschirm sehen wir den Taktstock des Dirigenten fliegen. Allerorten stehen Lautsprecher. Und noch mehr Bildschirme, noch mehr Videowände.

An kulinarischen Angeboten ist kein Mangel: Eine von mehreren Snackbars in der fiktiven Stadt Mahagonny am Theater Basel.
An kulinarischen Angeboten ist kein Mangel: Eine von mehreren Snackbars in der fiktiven Stadt Mahagonny am Theater Basel. | Bild: Ingo Hoehn

„Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ ist ein an sich recht schlichtes Stück. Es erzählt von der Gründung einer ganzen Stadt zum Zweck der Erholung. Die findige Geschäftsfrau Leokadja Begbick baut irgendwo in der Wüste ein Paradies auf, wo all die von harter Arbeit Geknechteten dieser Welt endlich ihre Ernte einfahren können: Ruhe, Eintracht und vor allem Konsum.

Zu den ersten Gästen zählten vier Holzfäller aus Alaska. Einer von ihnen merkt bald, dass dieser Stadt irgendetwas fehlt. Und als ein Hurrikan kurzzeitig die Verhältnisse durcheinanderwirbelt, schwingt sich dieser gewisse Jim Mahoney auch schon zum Reformer auf.

Wenn schon Völlerei, dann richtig

Regisseur Benedikt von Peter hat diese Oper erstmals 2012 in Bremen inszeniert. Schon damals war der ihn leitende Gedanke: Eine ganze Stadt des Konsums, das muss auf einer Bühne mickrig wirken. Wenn schon Völlerei, dann aber richtig. Das ganze Haus wird deshalb bespielt, jeder Besucher mutiert zum durch die Gänge irrenden Touristen, und wie in fernen Metropolen weiß er auch hier nicht, wohin er gehen, wohin er schauen soll vor lauter fliegenden Händlern, aufgetakelten Schönheiten und bunten Kostümen.

Benedikt von Peter
Benedikt von Peter | Bild: Wikipedia

Auf der Videowand sinniert Frau Begbick (Jasmin Jorias) in ihrem mondänen Plüschmantel mit ihren Kunden über die Unterschiede zwischen dem Goldrausch in Alaska und dem in der Wüste: „Wir bekommen Geld leichter von Männern als von Flüssen“, glaubt sie. Es braucht dazu halt nur Glücksspiel, Schnaps und Frauen.

Und während man ihr so zuhört, setzt einem auch schon jemand eine der schrillen Perücken auf, die in dieser Stadt offenbar in Mode sind. Besser schnell weg hier. Vielleicht mal schauen, was auf der Bühne gerade so los ist.

Die Oper

Ach guck‘, da sitzt ja das Orchester! Hier schreitet auch die schönste der Frauen von Mahagonny (Solenn‘ Lavanant Linke als Jenny Hill) durch die verwaisten Publikumsreihen, singt vom „Moon of Alabama“. Als sie damit fertig ist, wanzt sie sich plötzlich mit anzüglichen Gesten an den frisch erschienenen Gast ran: Äh, ich bin eigentlich verheiratet...?

Der Mond über Alabama leuchtet die ganze Nacht nur für Jenny Hill (Solenn‘ Lavanant Linke).
Der Mond über Alabama leuchtet die ganze Nacht nur für Jenny Hill (Solenn‘ Lavanant Linke). | Bild: Ingo Hoehn

In Mahagonny spielen solche Details keine Rolle, es zählt allein der Genuss. Und welches Problem genau hat der Holzfäller Jim Mahoney (Rolf Romei stilecht im Holfzfällerhemd) jetzt damit? Fehlt ihm die Tiefe? Die spirituelle Dimension? Die Moral? Nein: das Dürfen! Es sind noch immer zu viele der Verbote und Tabus, zu wenig der individuellen Freiheit!

Als der Hurrikan uns alle auf die leergeräumte Bühne fegt, wo wir auf Matratzen dem neuen Propheten des Konsums lauschen, lässt der seine Vision bald per Flugblatt vom Schnürboden regnen. Erstens kommt das Fressen, zweitens der Liebesakt, drittens, das Boxen und außerdem noch Saufen. „Vor allem aber achtet scharf, dass man hier alles dürfen darf.“ Also fressen, vögeln, saufen ohne alle Schranken.

„Essen Sie doch noch ein Kalb!“

Und so sehen wir bald einen Herrn Schmidt (Ervin Ahmeti) beim hemmungslosen Fleischverzehr. „Herr Schmidt, sie sind schon dick“, lobt der Chor: „Essen Sie doch noch ein Kalb!“ Doch dem kommt der Tod zuvor. „Seht, welch ein glückseliger, unersättlicher Ausdruck auf seinem Gesicht“, jubeln die Umstehenden. „Weil er sich gefüllt hat, weil er nicht beendet hat, ein Mann ohne Furcht!“

Geschlechtsverkehr wird zur brutalen Vergewaltigung, ein Boxkampf zur öffentlichen Hinrichtung. Ja, so sieht es aus, wenn Freiheit zum Fetisch wird, das Dürfen zum unhinterfragbaren Gesetz. „Denn wie man sich bettet, so liegt man“, singen sie zynisch: „Es deckt einen keiner da zu, und wenn einer tritt, dann bin ich es. Und wird einer getreten, bist du‘s.“

Herr Schmidt (Ervin Ahmeti) frisst sich am Kalbsfleisch satt, Jim Mahoney (Rolf Romei, links) eilt ihm dabei zu Hilfe.
Herr Schmidt (Ervin Ahmeti) frisst sich am Kalbsfleisch satt, Jim Mahoney (Rolf Romei, links) eilt ihm dabei zu Hilfe. | Bild: Ingo Hoehn

Es ist eine eigentlich denkbar schlichte Botschaft, die dieser Abend vermittelt. Freiheit ist kein Wert an sich, sie bemisst sich an der Verantwortung, an der Bürgerpflicht. Wer letztere für überflüssig erklärt und nurmehr dem Dürfen huldigt, bereitet der Barbarei den Boden. Man sollte meinen, darüber lasse sich ein gesellschaftlicher Konsens herstellen.

Doch die Realität sieht anders aus: Das Dürfen ist die heilige Kuh des Kapitalismus. Der Mensch will konsumieren dürfen, rasen dürfen, pöbeln dürfen. Am Diktat des Dürfens scheitern Klimapolitik, Sozialstaat und am Ende auch die Demokratie.

Er trank und wurde durstig

Vielleicht liegt das Problem weniger am intellektuellen Verstehen als am sinnlichen Begreifen. In diesem Fall leistet Benedikt von Peters rauschhafte Inszenierung allerfeinste Demokratiearbeit. So penetrant wie hier allerorten Schampusflaschen geschwungen und Kalbshaxen gereicht werden, vergeht einem für Wochen die Lust auf jede egomanische Völlerei.

Am Ende, als Jim Mahoney vor lauter Konsum das Geld ausgegangen ist, muss er feststellen: Der Eindruck, dass irgendetwas Wichtiges fehlt in dieser Stadt, hat sich keineswegs verflüchtigt. „Ich aß und wurde nicht satt, ich trank und wurde durstig“, stammelt er mit glasigem Blick. So funktioniert das, wo Geld verdient werden will: Nur wer beim Konsumieren durstig bleibt, hält den Laden am Laufen.

Kommende Vorstellungen: 31. August sowie 7., 8., 10. und 12. September im Theater Basel. Weitere Informationen:
www.theater-basel.ch