Ein Blick in die Juliausgabe im Mitteilungsblatt der Gemeinde Dachsberg wirft bei vielen Schülern der örtlichen Freien Waldorfschule (FWS) wohl Fragen auf. Vom ganz normalen Schulalltag ist im Bericht der Schule über das vergangene Schuljahr zu lesen, lediglich ein Standardbesuch des Schulamtes habe stattgefunden. Doch „ganz normal“ waren die zurückliegenden Wochen und Monate auf dem Goldenhof im Dachsberger Ortsteil Urberg offenbar nicht, ebenso wenig, wie es sich beim Behördenbesuch um eine gewöhnliche Visite gehandelt hat. Es knirscht gewaltig im Schulgemäuer – zwischen den Lehrern, der Schülerschaft und auch den Eltern.

Rede ist von schweren Missständen 

Schwere Missstände gebe es in der Urberger Bildungseinrichtung, berichten Eltern, Schüler und Ehemalige. Die Klagen reichen von hygienischen Mängeln durch eine Mäuseplage über eine hohe Fluktuation beim Lehrpersonal bis hin zu systematischem Mobbing, Machtmissbrauch und toxische Strukturen im Schulhaus.

Anfang Juli gab es unangekündigt den angesprochenen Besuch vom Schulamt aus Lörrach, wobei verschiedene Mängel festgestellt worden seien, wie die Behörde auf Nachfrage sagt. Punkte wie beispielsweise die Lehrerversorgung und Organisation seien darunter. Mit Blick auf eine Behebung der Mängel stehe man in Kontakt mit der FWS, es handle sich jedoch „teilweise um Prozesse, die nicht von heute auf morgen umgesetzt werden können“.

Probleme bei der Hygiene oder dem Arbeits- und Brandschutz habe man zudem an das zuständige Landratsamt in Waldshut weitergeleitet. Weitere Details zu den Vorgängen wollte das Schulamt unter Verweis auf den Datenschutz und den laufenden Schulbetrieb nicht nennen.

Druck gegen unbequeme Mitglieder

Mitglieder der Schulgemeinschaft sprechen von einer schwierigen Situation auf dem Goldenhof, die bereits Jahre zurückreiche. Personal und Schüler würden gemobbt, Schulleitung, Trägerverein und Teile der Elternschaft übten Druck aus, um unbequeme Mitglieder der Schulgemeinschaft loszuwerden, so die Vorwürfe.

Einzelne Lehrpersonen hätten darüber hinaus keine ausreichende Qualifikation für den Unterricht an der FWS. Der Streit schwelt bereits seit Längerem, ist zu hören. Zur offenen Auseinandersetzung kam es jedoch im Vorfeld der fristlosen Kündigung einer Klassenlehrerin (Name der Redaktion bekannt) im Mai mit dem Verweis, sie wolle der Schule schaden.

Der Konflikt wurde immer größer

Bereits im Sommer 2024 war ihr von Eltern vorgeworfen worden, sie trinke Kaffee im Unterricht, hebe die Stimme zu oft und lasse die Kinder alleine. „Ich habe mich dabei von Anfang an auf der Anklagebank gesehen“, sagt die Betroffene. Ob die Vorwürfe gegen sie zuträfen, sei dabei nicht untersucht worden.

Dennoch erhielt sie von der Schulleitung eine Abmahnung. In der Folge berichtet die Lehrerin von Mobbing und Diskriminierung, zudem seien ihr Informationen über Elterngespräche vorenthalten worden. Ein Beschwerdebrief aus Kreisen der Eltern an das Schulamt greift die Begleitumstände der Vorwürfe gegen die Lehrkraft auf. Ihr wurde „aufgrund von Aussagen von circa vier Elternhäusern die Klasse entzogen. Elternhäuser, die in den Vorstand verstrickt und selbst auch Lehrer an der Schule sind“, ist dort zu lesen.

Sitzstreik der sechsten Klasse

Zahlreiche Schüler setzten sich für die Lehrkraft ein. Bei einem Sitzstreik der sechsten Klasse im Februar dieses Jahres, bei dem ihre Rückkehr an die Schule gefordert wurde, sei seitens der Schulleitung mit Schulverweisen gedroht worden, berichtet eine Schülerin.

Auch in der angesprochenen elterlichen Beschwerde an das Schulamt taucht dieser Vorfall auf. Ebenfalls wird darin auf eine Hospitanz verwiesen, die der mutmaßlich gemobbten Lehrerin vergangenes Jahr von der Schulleitung an die Seite gestellt worden war.

Die hospitierende Kollegin habe „offensichtlich ein Problem“ mit der politischen Einstellung der Betroffenen gehabt und sei somit „nicht neutral“ in ihrer Beurteilung, heißt es in der elterlichen Klageschrift. Die gekündigte Lehrkraft gibt an, dass die Anwesenheit der hospitierenden Lehrerin das Arbeiten in der Klasse zusätzlich erschwert habe.

Weitere Aussagen hierzu aus Schülerschaft und Kollegium der FWS gegenüber dieser Zeitung decken sich mit dieser Darstellung. Eine Schülerin: „Alle haben mitbekommen, dass sie gemobbt wurde und da es nicht die erste Lehrerin ist, sondern die achte in zwei Jahren, fragten wir uns, warum man so miteinander umgeht.“

Auch ist im Schreiben an das Schulamt die Rede davon, dass sich innerhalb einer anderen Klasse der FWS eine „regelrechte Front gegen die Klassenlehrerin gebildet“ habe. Drei Kinder dieser Klasse litten unter Ängsten und seien nicht mehr beschulbar, heißt es in dem Schreiben, eines dieser Kinder habe Suizidgedanken und sei in Betreuung des Jugendamts und der Jugendpsychiatrie in Freiburg.

Auf Anfrage äußert sich die Schule nicht zum Fall der Gekündigten. Man habe gegenseitiges Stillschweigen vereinbart, nachdem man sich mit der Lehrerin gerichtlich geeinigt habe. Die durch das Schulamt festgestellten Mängel gehe man konsequent an. Dazu zählten laut Michaela Dreher, Mitglied im Vorstand des Trägervereins der FWS, beispielsweise fehlende Steinplatten unter Wasserkochern oder das Befestigen von Schleifblöcken im Werkraum.

Stefanie Braun, ebenfalls Vorstandsmitglied, weist die Vorwürfe von Machtmissbrauch und Mobbing in einer Stellungnahme zurück.

Diabolostäbe gegen Hals gedrückt?

Berichtet wurde dieser Zeitung zudem von einem Übergriff, bei dem ein Lehrer Diabolostäbe gegen den Hals eines Schülers gedrückt haben soll. Der Vorfall sei der Schulleitung gemeldet worden, passiert sei darauf jedoch nichts, sagt eine Schülerin. Auch von Zwischenfällen bei Ausflügen und Freizeitaktivitäten der FWS ist die Rede: Schülergruppen seien über Stunden hinweg alleine gelassen worden, ein Kind soll aus Platzmangel im Kofferraum eines Autos transportiert worden sein, ein weiteres habe von der Bergrettung geborgen werden müssen, weil es bei einer Wanderung zurückblieb und man nicht gewartet habe, so der Vorwurf einiger Eltern.

Eine Schülerin beklagt sich darüber hinaus über eine gezielte Desinformation durch zwei Lehrende der Schule, wobei ihr ungerechtfertigterweise auch mit Prüfungsausschuss gedroht wurde. Auch diese Anschuldigungen ließen Schule und Vorstand trotz Nachfrage unkommentiert.

Kritik äußert die Gekündigte auch gegenüber dem Regionalverband in Stuttgart. Ihre Beschwerde bei der Arbeitsgemeinschaft der Freien Waldorfschulen (LAG) zum Vorgehen der FWS wurde unter Verweis auf fehlende Zuständigkeit abgelehnt. Die LAG schütze die Täter, lautet der Vorwurf der Lehrerin. Angesprochen auf die Missstände reagiert der Dachverband gegenüber dieser Zeitung in einer allgemeinen Stellungnahmen: Die vom Amt „beanstandeten Zustände und Themen befinden sich in der Mängelbeseitigung“, erklärt die LAG, „um zu einem störungsfreien Schulbetrieb zurückkehren zu können“. Man sei zuversichtlich, dass diese „zeitnah zum Guten gewendet“ würden.