Etwa 120.000 Euro betrug die Beute, jahrelange Ermittlungen folgten, der Täter war eine Überraschung, und mehrere Menschen hatten am Ende mit schwerwiegenden psychischen Folgen zu kämpfen. Der Banküberfall, der sich am 9. Dezember 2009 in der Villinger Innenstadt ereignete, war in vielerlei Hinsicht spektakulär.

Spektakulär waren auch die Planung und die kriminelle Energie, mit der der Täter vorging. Doch das sollte sich erst viel später herausstellen. Zehn Jahre später, um genau zu sein. Denn da erst ging der Bankräuber der Polizei ins Netz.

Einer von denen, die den Mann über all die Jahre hartnäckig verfolgt haben, ist Bernd Lohmiller. 2009 war er Kriminalpolizist bei der Kripo Villingen-Schwenningen. Er leitete damals die Ermittlungsgruppe, die sich mit dem Banküberfall beschäftigte.

Der inzwischen pensionierte Kriminalbeamte Bernd Lohmiller vor der früheren Filiale der Commerzbank in Villingen. 2009 ereignete sich in ...
Der inzwischen pensionierte Kriminalbeamte Bernd Lohmiller vor der früheren Filiale der Commerzbank in Villingen. 2009 ereignete sich in dem Gebäude ein spektakulärer Bankraub. | Bild: Freißmann, Stephan

Ende 2019 ging er in den Ruhestand, engagiert sich ehrenamtlich als SPD-Gemeinderat für seine Heimatstadt Villingen-Schwenningen.

Doch den spektakulären Fall, der ihn so lang beschäftigte, hat Lohmiller präsent, als wäre er gestern passiert – und schildert ihn übereinstimmend mit dem, was viel später vor dem Landgericht Hechingen festgehalten werden sollte.

Ein Banküberfall, den niemand bemerkt

Am 9. Dezember 2009, einem Mittwoch, ging ein Mann, der einen Aktenkoffer dabei hatte, in die Villinger Filiale der Commerzbank. Zwei Bankmitarbeitern präsentierte er Briefe, in denen er sich selbst als „Herr Krieg“ bezeichnete.

Und er öffnete seinen Aktenkoffer – darin: eine vermeintliche Bombe. Besonders perfide an der Tat: Auch den beiden Bankern steckte der Mann jeweils eine kleinere vermeintliche Bombe in die Jacketts, verbunden mit der Drohung, diese aus der Ferne zu zünden, sollte jemand den Alarm auslösen.

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Dass es sich dabei nur um Attrappen handelte, ahnte zu diesem Zeitpunkt niemand – die Männer hatten Todesangst.

Aus dem Tresorraum der Bank ließ sich der Täter dann Geld geben – und er habe am Ende noch um eine Tasche gebeten, um seine Beute wegzutragen: „Das war auffällig“, so Lohmiller. „Eine halbe Stunde war der Täter in der Bank und niemand hat den Überfall bemerkt“, sagt der pensionierte Polizist rückblickend.

Andere Fälle und Rechtslage

Etwa so sahen die Bombenattrappen aus, die der Bankräuber im Koffer dabei hatte. Das Foto entstand anlässlich der Sendung „Ungeklärte ...
Etwa so sahen die Bombenattrappen aus, die der Bankräuber im Koffer dabei hatte. Das Foto entstand anlässlich der Sendung „Ungeklärte Fälle“ von RTL2, in der 2017 noch einmal öffentlich um Hinweise gebeten wurde. | Bild: (c) RTL II

Nach dem Überfall nahm der Täter einen der beiden Banker mit auf die Straße und ließ ihn vor sich herlaufen. Erst in einiger Entfernung sei dem Mann aufgefallen, dass der Täter nicht mehr hinter ihm war, er warf das Jackett samt Bombenattrappe in einen Brunnen und informierte die Polizei. Der Täter war samt Beute offenbar in einer Seitenstraße verschwunden.

An den beiden Bankern ging dieses Erlebnis nicht spurlos vorbei. Im Prozess vor dem Landgericht Hechingen im Jahr 2019 berichteten sie von ihren schlimmen Erinnerungen. Einer von ihnen wurde sogar zeitweise arbeitsunfähig, wie es auch im schriftlichen Gerichtsurteil heißt, das der Redaktion in anonymisierter Form vorliegt. Zum Zeitpunkt des Prozesses war der Banker arbeitslos.

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Das Gericht erkannte in seinem schriftlichen Urteil denn auch auf „erhebliche kriminelle Energie“. Und auch Kristina Selig, die heute Richterin am Landgericht Hechingen und dessen Pressesprecherin ist, schreibt auf Anfrage: „Die kriminelle Energie kann als erhöht angesehen werden.“

Mehr als 200 Spuren lösen sich in Luft auf

Für die Ermittlungsgruppe CoBa, die Lohmiller damals leitete, ging nach dem Überfall im Dezember 2009 die Arbeit los: „Die Ermittlungsgruppe hatte weit über 200 Spuren abzuarbeiten. Doch die haben sich alle aufgelöst.“

Hinweise zu den Marmeladengläsern, aus denen der Täter seine Bombenattrappen gebaut hat? Führten in alle Richtungen, nur nicht zum Ziel. Persönliche Merkmale des Täters? Ein grauer Haaransatz unter der Perücke und ein auffälliges Nuscheln waren bekannt, sonst nichts. Öffentlichkeitsfahndungen über die ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY“ und die RTL2-Sendung „Ungeklärte Fälle“? Viele Hinweise, kein Erfolg.

Der inzwischen pensionierte Kripo-Beamte Bernd Lohmiller mit dem Bombenkoffer des Bankräubers, der 2009 die Commerzbank Villingen ...
Der inzwischen pensionierte Kripo-Beamte Bernd Lohmiller mit dem Bombenkoffer des Bankräubers, der 2009 die Commerzbank Villingen überfallen hat. Das Bild entstand im Herbst 2019, kurz bevor der Prozess gegen den Senioren-Bankräuber am Landgericht Hechingen begann. | Bild: Stadler, Eberhard

Immerhin, durch 3D-Aufnahmen in der Bank konnten die Beamten Rückschlüsse auf die Größe des Verdächtigen ziehen. Und DNA-Spuren gab es auch. Die führten zu einem Fall, der sich früher im Jahr 2009 in Freiburg zugetragen hatte. 2012 erreichte die Villinger Kriminalpolizisten dann die Nachricht, dass sich in Rastatt ein ähnlicher Überfall ereignet habe. Auch in diesem Fall gingen die Polizisten vielen Spuren nach, wieder führte keine zum Erfolg.

Mit dieser Verkleidung verübte der Täter seine Banküberfälle. Das Foto von einer Überwachungskamera entstand beim versuchten Bankraub in ...
Mit dieser Verkleidung verübte der Täter seine Banküberfälle. Das Foto von einer Überwachungskamera entstand beim versuchten Bankraub in Waldkirch im Jahr 2019. | Bild: Polizei

2019 wendete sich das Blatt. Nach einem erfolglosen Banküberfall nach ähnlichem Muster habe er eine Bankenwarnung herausgegeben, erinnert sich Lohmiller. Daraufhin hätten sich andere Banken gemeldet, die aufgrund der Fotos mitgeteilt hätten, dass derselbe Täter in ihrer Nähe war. Tatsächlich ging der Täter später der Polizei ins Netz, nach einem Überfall in Balingen.

Der Bankräuber entpuppt sich als grauhaariger alter Mann

Der Villinger Kriminalpolizist erinnert sich auch genau an den Tag. Am Nachmittag des 2. Mai habe er einen Anruf vom Kommissariatsleiter aus Villingen bekommen. Lohmillers Hintergrundwissen war gefragt – und seine Überraschung groß, als ihm seine Kollegen auf der Schwäbischen Alb ein Foto ihres Verdächtigen präsentierten: „Da war ein grauhaariger alter Mann zu sehen, ich kannte aber nur Bilder mit dunkler Perücke und Sonnenbrille.“

Des Rätsels Lösung: Der Verdächtige war zu diesem Zeitpunkt bereits 80 Jahre alt, seinen ersten erfolgreichen Banküberfall, nämlich den in Villingen, beging der Mann im stolzen Alter von 70 Jahren. Am Tag nach seiner Festnahme legte der Verdächtige ein Geständnis ab.

Die Villinger Commerzbank nach dem Überfall mit Bombendrohung. Das Bild stammt vom Januar 2010.
Die Villinger Commerzbank nach dem Überfall mit Bombendrohung. Das Bild stammt vom Januar 2010. | Bild: Jens Fröhlich

Lohmiller bekam Daten aus dem Computer des Verdächtigen zur Untersuchung. Der Mann habe auf seinem Rechner ein präzises Haushaltsbuch geführt – und die Beute der Überfälle als Einnahmen verbucht. „Das ist mir geblieben“, sagt Lohmiller rückblickend. Und: Auch an der Hochschule der Polizei in Villingen-Schwenningen habe er den Fall bei der Ausbildung von Polizisten präsentiert.

Motiv: Geld hat für Lebensstil nicht ausgereicht

Der Beschuldigte kommt sofort in Untersuchungshaft, ein mehrtägiger Prozess vor dem Landgericht Hechingen folgt im Herbst 2019. Am Ende steht die Verurteilung des Mannes zu einer siebenjährigen Freiheitsstrafe – aus dem Verdächtigen wird ein verurteilter Straftäter.

Als Motiv stellt sich vor Gericht heraus, dass der Mann durch die Pleite des US-Bankhauses Lehman Brothers viel Geld verloren hatte. Um sich und seiner Familie einen als angemessen erachteten Lebensstil zu sichern, holte er sich das Geld von anderen Banken – offenbar ohne Blick auf mögliche Konsequenzen.

So sieht das Gebäude heute aus. Ausweislich eines Schildes im Schaufenster steht es inzwischen zum Verkauf.
So sieht das Gebäude heute aus. Ausweislich eines Schildes im Schaufenster steht es inzwischen zum Verkauf. | Bild: Freißmann, Stephan

Anwalt Fritz Westphal, der seine Kanzlei in Hechingen hat, hat den Bankräuber im Jahr 2019 verteidigt. Am liebsten würde er gar nichts mehr zu dem Fall sagen, mit ein paar Details lässt er sich dann aber doch zitieren.

Sein Mandant habe von Anfang an zu seinen Taten gestanden und auch offen über seine Motive berichtet, sagt Westphal heute. Im Strafvollzug im Singener Gefängnis habe er einen ganz normalen Haftalltag ohne Vergünstigungen erlebt.

An die Öffentlichkeit wolle sein Mandant allerdings nicht gehen. Inzwischen sei er nach Zweidrittel-Regelung aus der Haft entlassen worden und habe in sein Umfeld zurückgefunden. Und: „Seine Familie hat die ganze Zeit zu ihm gehalten.“