Das Treffen findet im Café Mocca in Singen statt – auf einen Kaffee.

Herr Löble, Ihr wievielter Kaffee ist das heute?

Dani Löble: Der zweite. Ich hab heute Morgen schon gut zu tun gehabt, durch die anstehende Tour läuft morgens echt viel – und da ich der Einzige aus der Band bin, der so früh auf ist, bin ich immer der Ansprechpartner. Kaffeetrinken wird bei mir zelebriert – ich hab eine Siebträgermaschine und mahle die Bohnen von Hand. Bei mir zu Hause muss man schon noch was tun für einen Kaffee! (lacht) Einfach nur den Knopf zu drücken, finde ich lame. Das kann jeder.

Wenn man was tut für den Kaffee, gibt ihm das eine andere Wertigkeit – und das vergisst keiner meiner Gäste. Das ist wie beim Musikhören: Da setze ich mich aktiv hin und höre auf Vinyl. Außer auf Tour, da höre ich auch einfach Spotify.

Was denn so?

Löble: Viele neue Sachen. Meine Partnerin hat mit Metal und Rock gar nichts am Hut, sie hört eher Indie-Pop. Und das gibt es echt Künstler, wo ich denke: Wow, was diese jungen Burschen machen! Ich lass mich auch gerne von jungen Trommlern inspirieren, weil sie das Instrument auf ein ganz anderes Level bringen. Die ganzen alten Sachen kann ich ja schon, aber die neuen? Da komme ich gar nicht mehr mit! (lacht) Das ist olympiareif. Im Flugzeug höre ich mittlerweile aber lieber Hörbücher. Viele meiner Vorbilder, Schlagzeuger, aber auch Musikproduzenten, sind jetzt in dem Alter, wo sie Biografien schreiben und ihre Weisheiten mit der Welt teilen.

Am 29. August erscheint das neue Helloween-Album „Giants & Monsters“. Wenn man auf das Schlagzeug achtet, hat man den Eindruck, dass das wirklich sportlich ist, was Sie da machen.

Löble: 69 Kilo mit Turnschuhen! (lacht) Gerade jetzt in der Vorbereitung auf die Tour ist es körperlich wahnsinnig anstrengend.

„Giants & Monsters“ heißt das aktuelle Album von Helloween.
„Giants & Monsters“ heißt das aktuelle Album von Helloween. | Bild: RMP/Warner

Ist trommeln Ihr Training oder müssen Sie trainieren, um überhaupt fit genug für dieses Instrument zu sein?

Löble: Beides stimmt. Sport ist mein Hobby, ich gehe drei-, viermal die Woche ins Fitnessstudio, meistens morgens, um mich fitzuhalten. Und ich habe gute Jungs an der Hand, Freunde von mir, die Personal Trainer sind und mich unterstützen. Wenn ich auf Tour bin oder auch jetzt in der Vorbereitung, fahre ich das Programm runter. Darauf muss ich wirklich achten. Wenn ich jeden Tag trommle wie in Wilder, macht sich mein Körper bemerkbar: „Kollege, meinst du das jetzt echt im Ernst?“

Über die Jahre habe ich gelernt, auf meinen Körper zu hören – zum Beispiel gebe ich beim ersten Konzert einer Tour noch nicht alles, anders als früher. Im Alter gehe ich es gemütlich an. (lacht) Ich weiß ja: Da kommen noch 80 Shows, dazwischen wechseln wir die Kontinente, wir fliegen viel, es gibt Zeitverschiebung – das ist Stress. Ich trainiere schon auch mal im Hotel oder Backstage, damit der Körper in Bewegung bleibt, aber ich weiß genau, wie viel ich machen kann.

Gibt es auf dem neuen Album einen Lieblingssong?

Löble: Ja, es gibt einen Song, für den habe ich was Einzigartiges gemacht: „Hand Of God“. Ich muss ein bisschen ausholen … Unser Langzeitproduzent Charlie Bauerfeind ist quasi mein Ziehvater, mit ihm habe ich schon vor Helloween zusammengearbeitet. Es gibt kaum eine Platte, die ich ohne ihn aufgenommen hab, wir sind schon über 25 Jahre verheiratet. (lacht) Wir kennen uns inside out und das macht es schwierig, weil ich genau weiß, dass ich ihm nichts vormachen kann. Auf der anderen Seite weiß er weiß genau, wo meine Grenze ist. Wir wollten jedem Song das perfekte Feeling geben – das will natürlich jeder. Aber wir wollten auch den perfekten Sound, einen uniquen Sound für jeden Song finden.

Also haben wir einen Transporter voll nur mit Drums ins Studio gebracht und ich habe für jede Nummer drei komplett unterschiedliche Versionen getrommelt. Wir hatten ein Heavy-Metal-Schlagzeug aufgebaut, ein Rock-Schlagzeug und ein Stadion-Rock-Schlagzeug. Jedes ist anders aufgebaut, klingt anders und braucht eine andere Herangehensweise – das hat mich echt gefordert. Wir haben dann die besten Versionen rausgesucht, nur bei „Hand Of God“ hat das nicht funktioniert. Die Stadion-Rock-Variante war nicht schlecht, aber noch nicht gut genug. Ich war schon so weit, irgendeinen Studio-Crack aus den USA anzurufen und um Hilfe zu bitten. Die Größe hätte ich gehabt – es geht ja um den Song, nicht um mein Ego.

Wie haben Sie das Problem gelöst?

Löble: Irgendwann kam mir eine Idee, dann habe ich mit meinem Körper ein Drum Loop kreiert. Mit meinen Händen habe ich über den Boden gewischt und mit dem Ellbogen einen Rhythmus geklopft. Das haben wir aufgenommen und in Dauerschleife laufen lassen – ich habe dazu getrommelt und auf einmal hat sich der ganze Song verändert und wir sind in eine ganz andere Richtung gegangen. Auf einmal waren alle happy! Man könnte easy auch einen Depeche-Mode-Song draus machen, aber natürlich habe ich intensiver getrommelt.

Dani Löble mit seinen Trommelstöcken.
Dani Löble mit seinen Trommelstöcken. | Bild: Martin Haeusler

Sie sind ein Perfektionist?

Löble: Ja, leider. (lacht) Das hat natürlich was mit Kontrolle zu tun. Als Drummer kann ich die Kontrolle nicht aus der Hand geben, dann wäre ich fehl am Platz. Ich bin schon ein Kontrollfreak, aber das war auch wegbereitend für meinen Beruf. Ich bin Trommler, kein Musiker, da bestehe ich drauf. Ich bin Rhythmiker durch und durch. Ich hab zwar Musik studiert, aber ich möchte keine Songs schreiben, ich möchte zu Musik Rhythmen kreieren.

Klingt nach einer handwerklichen Herangehensweise.

Löble: Ich habe auch ein Handwerk gelernt, ich bin Musikinstrumenten- und Schlagzeugbauer und habe Blechblasinstrumente gebaut. Meine Lehre habe ich in Volkertshausen beim Lüttke gemacht. Ich war ein junger Bursche, gerade 16, und er hat mich echt geformt. Er hat irgendwas in mir gesehen und ich profitiere auch heute noch von dem, was er mir als Geschäftsmann vor über 30 Jahren mit auf den Weg gegeben hat. Wir sind immer noch in Kontakt und ich bin ihm immer noch dankbar.

Der Handwerker in mir kann die Menschen bis heute mehr mit meinen Trommelstöcken abholen als verbal, das habe ich schon ein paar Mal festgestellt. Das war schon so, als ich ein Kind war: Gib mir die verdammten Schlagzeugstöcke und ich erzähle dir, was ich fühle.

Wann haben Sie denn das erste Mal am Schlagzeug gesessen?

Löble: Da war ich vier oder fünf.

Wie lange halten Sie es heute ohne Schlagzeug aus. Zwei Wochen?

Löble: Nein.

Eine?

Löble: Das kriege ich nicht hin. Ich merke schnell, dass ich wieder ready bin. Klar, wenn es nicht geht, geht es nicht. Wenn ich eine Woche im Urlaub bin, nehme ich aus Selbstschutz auch keine Trommelstöcke mit. Aber nach zwei, drei Tagen fange ich im Kopf schon wieder an, kreativ zu werden, und trommle mit Händen und Füßen. Das ist mein Leben. In der Schule hat mir das nur Ärger eingebracht, weil ich ständig getrommelt habe. Aber ich hab‘s durchgezogen und jede Strafarbeit in Kauf genommen.

Die Band Helloween in der aktuellen Besetzung (von links): Dani Löble (Schlagzeug), Sascha Gerstner (Gitarre), Andi Deris (Gesang), Kai ...
Die Band Helloween in der aktuellen Besetzung (von links): Dani Löble (Schlagzeug), Sascha Gerstner (Gitarre), Andi Deris (Gesang), Kai Hansen (Gitarre und Gesang, kniend), Michael Kiske (Gesang), Michael Weikath (Gitarre) und Markus Grosskopf (Bass). | Bild: Mathias Bothor

Mit dem Ergebnis, dass Sie jetzt seit 20 Jahren bei Helloween sind. Die Band selber gibt es seit 40 Jahren. Ein Grund zum Feiern?

Löble: Ja! Welche Band kann sonst so eine Langlebigkeit vorweisen? Die Rolling Stones, Black Sabbath, Iron Maiden, klar, aber wir gehören jetzt auch zu den Alten. 40 Jahre – das ist schon eine Kunst. Wenn ich überlege … Wir hatten Phasen, die waren wirklich nicht rühmlich. Da haben die Egos noch viel Platz gebraucht und es wurde mit harten Bandagen gekämpft – und zwar nicht verbal. Ich gebe ja zu, dass ich selber nicht ganz dicht bin, im Positiven. Das muss man aber auch sein, um Kunst zu kreieren. Wenn du normal bist, machst du normale Sachen, wenn du abgefahren bist, handelst du abgefahren, wenn du wahnsinnig bist, machst du wahnsinnige Sachen.

Ich kann mich an Zeiten erinnern, wo ich dachte: Ich schmeiß hin, das packe ich psychisch nicht. Es gab echte Machtkämpfe waren, da sind hinter der Bühne auch mal Flaschen geflogen – aus Wut, aus Frust. Aber wir haben das hinbekommen, da bin ich echt stolz drauf. Jetzt geht‘s nicht mehr um Ich, Ich, Ich – wir haben sehr viel Respekt voreinander und kennen uns so gut, dass ich schon anhand der Scheitelstellung unseres Sängers sehe, dass ich ihm lieber erstmal einen Kaffee bringe, bevor ich Guten Morgen sage. Wir sind durch die Hölle gegangen, aber heute sind wir eine große Familie, die Band, die Crew und deren Familien. Mit manchem aus der Crew habe ich mehr erlebt als mit meiner Lebenspartnerin. (lacht)

Gehen Sie eigentlich selber auf Konzerte?

Löble: Ja, ich gehe gern nach Zürich, wenn befreundete Bands spielen. Und im Sommer war ich auf meinem ersten Festival.

Was für eins war es denn?

Löble: Ein Elektro-Festival in Freiburg, das Sea-You-Festival, ein riesiges Ding. Meine Partnerin wollte da hin und ich bin offen für alles, Hauptsache kein Metal. (lacht) Ich war komplett überfordert, aber ich hab es genossen, auch die Musik. Das war einfach mal was anderes – und ein bisschen hat‘s mich an Fasnacht erinnert. Ich bin ja immer noch bei der Fasnacht auf der Höri, und auf dem Festival war es wie auf einem Maskenball. Hätte ich das gewusst, hätte ich mich auch verkleidet!

Sie waren als Kind auch im Musikverein. War das wichtig für die Karriere, die Sie später gemacht haben?

Löble: Definitiv. Viele rümpfen die Nase, aber für mich war es wichtig. Ich hab in dem Verein eine super Ausbildung bekommen, ich hab Notenlesen gelernt. Du spielst im Verein alles: Volksmusik, Schlager, Rock, Pop, Heavy Metal, Latin, Jazz … Und du lernst auch Social Skills. Wenn man es ernst meint mit einem Instrument, kann ich das nur empfehlen. Es hat einen großen Einfluss auf meine Karriere gehabt, ich bin dadurch sehr vielseitig. Manche Songs von damals kenne ich immer noch auswendig, die könnte ich jederzeit mit dem Musikverein in Wangen spielen.

Was sind denn in Ihrer Heimat Orte, die Ihnen besonders wichtig sind?

Löble: Ganz klar der See in Wangen und Öhningen, wo ich herkomme. Ich bin auf der Höri groß geworden, ich liebe die Höri und gehe da im Sommer auch immer baden. In Stein am Rhein gibt es oben bei der Festung eine Wiese, wo man auch grillen kann – da gehe ich gern hin, nehme was zum Trinken mit und gucke von oben runter auf mein Elternhaus. In Singen bin ich gern im Café „Mocca“, da kennt man mich und fragt bloß noch: groß oder klein? (lacht) Ich gehe auch gern auf die Hegau-Berge, ich bin sehr naturverbunden, das brauche ich.