Markdorf Trocken waren zunächst nur einige der vier Weine, die Rebmeister Hubert Gutemann den Gewinnern der Aktion „Der SÜDKURIER öffnet Türen“ kredenzte. Denn es regnete. Der Nieselregen und matschige Wege veranlassten ihn zu einem abgekürzten Spaziergang durch die Reben an der Wanger Halde bis zum Aussichtspunkt mit Blick über Markdorf. Das minderte aber das in mehrfacher Hinsicht feucht-fröhliche Erlebnis der Teilnehmer nicht, die unter 200 Bewerbern ausgelost worden waren und die Redakteurin Stefanie Noßwitz willkommen hieß.

Sie profitierten von der jahrzehntelangen Erfahrung des Rebmeisters, der sein immenses Wissen verständlich, unterhaltsam, mit viel Witz und Gespür vermittelte. „Immer gleich nachfragen. Wer weiß, ob man es bei der Weinprobe noch weiß“, empfahl er. Und das taten die Teilnehmer ausgiebig. Selten gab es so viele Fragen, sodass sich die für das Event anberaumten eineinhalb Stunden mehr als verdoppelten. Und die Teilnehmer waren ganz überrascht von der Qualität der Tropfen. Das begann mit einem alkoholfreien Secco am Aussichtspunkt. „Kommt unter den Baum, sonst gibt‘s Schorle“, empfahl Rainer Schall. „Schmeckt mega“, meinte Klaus Schultz. Da Alkohol ein Geschmacksträger ist, sollte man mit ihm wegen des Aromas erst zum Schluss Gerichte ablöschen.

Wie schwierig der Weinbau, besonders seit zehn Jahren wegen des Klimawandels ist, lässt den Wein noch kostbarer wirken: Etwa 30 Jahre lang kann ein gut gepflegter Rebstock in Höchstform rund vier Kilo Trauben liefern, was etwa vier 0,75-Liter-Flaschen füllt, dann ist Zeit für Neuanpflanzungen. Die gibt es auch: Mit viel Liebe, Zeit und Wasser wird die neue, pilzresistentere Sorte Souvignier gris hochgezogen; nur halb so oft muss man sie spritzen, dieses Jahr sogar nur zwei Mal, gegenüber zwölf Mal bei den anderen Sorten.

Der Job von Winzern ist nicht einfach: Ist es zu trocken, müssen die Reben gewässert werden, ist es zu nass, droht ohne Spritzen Fäulnis. Vielfältige Flora, die den Boden verbessert, trägt zur Resistenz der Reben bei. Lockstoffe können ungebetene Gäste wie den gefräßigen Japanischen Käfer, der an einem Tag einen Rebstock ruinieren kann, oder Kirschessigfliegen, die auf alle dunkelroten Früchte fliegen, teilweise abfangen.

Viele weitere Infos gab es: Wegen der Sektsteuer – ein Euro pro Flasche – erhielt der Prosecco Aufschwung, dank Vorsichtsmaßnahmen vernichtete die Reblaus in Deutschland nur 0,5 Prozent der Reben. Mit seinem Wissen begleitete Hubert Gutemann die vier Weine. Drei waren geplant, der zusätzliche war eine Dreingabe des Winzervereins Hagnau.

„Der erste Eindruck ist der Wichtigste, danach hat sich die Nase schon an die Aromen gewöhnt“, erklärte Hubert Gutemann. Dem halbtrockenen, milden und bekömmlichen Müller-Thurgau mit dem Duft reifer Äpfel und Citrusfrüchten folgte der im Mund präsentere, kräftige trockene Grauburgunder. Der hieß früher Ruländer. „Früher hieß es, du musst mit deiner Freundin einen Ruländer trinken, dann klappt‘s“, steuert Helmut Rominger aus Bermatingen eine Anekdote bei. Und auch Gutemann erzählt: „Nach jedem Glas des ,Bettkantenweins`hatte ein Hagnauer Musiker einen Knopf seiner Weste geöffnet.“ Wenn er keinen mehr hatte, musste er heim, mutmaßte Monika Beder. „Dann hat er einen Knopf bei jemandem anderen aufgemacht“, erwiderte Gutemann.

Historie und Histörchen zum sauren Elbling, der „Hengstenberg-Spätlese“, wie einer anmerkte, zur aus der Schweiz geschmuggelten Müller-Thurgau-Rebe und zur selbstauferlegten Mengenbegrenzung zugunsten von Qualität machten die Verkostung rund, bei der die lockere Stimmung noch gelöster und die Runde geselliger wurde – genau so, was Wein laut Gutemann bewirken sollte. Platten, beladen mit Wurst und Käse, sowie Brot schufen eine gute Grundlage.

„Ich bin ein MT-Fan und den halbtrockenen habe ich gar nicht als halbtrocken empfunden“, sagt Karin Mohr und bedauert: „Schade, dass der Wein nicht so angenommen wird.“ Auch Klaus Schultz, der in Markdorf gern eine Weinstube hätte, schmeckt dieser am besten; er hat ihn schon des Öfteren gekauft. Der Spätburgunder Rosé gefiel Reinhold Köfer am meisten, weil er diesen Wein generell bevorzugt. Seit der Markdorfer Wein öffentlich zum Verkauf steht – vorher gab es ihn nur beim Stadtfest, bei offiziellen Empfängen und für Jubilare – nehmen ihn viele noch nicht so richtig in den Regalen des Lebensmittelmarktes wahr. Helmut Balle hat es gefallen, dass er so viel über den Wein und den Anbau erfahren konnte, wie Hubert Gutemann alles erklärt hat und wie unterschiedlich die Weine schmecken.

Einig waren sich viele, dass die Diva des Abends, der Wein aus blauen Spätburgundertrauben, ihren großen Auftritt zu Recht hatte und dass es ein gelungener (Spät)nachmittag war. Übrigens: Wer ernten und zum Abschluss Geselligkeit erleben möchte, kann sich als Erntehelfer, als Wimmler gern bei Hubert Gutemann melden.