Das Herz eines jeden Mäschgerle schlägt beim Klang eines Fanfarenzugs höher. Musik ist mittlerweile an Fasnacht so unverzichtbar wie Guetsele und Konfetti. Doch das war nicht immer so. Bei den ersten Umzügen nach dem Zweiten Weltkrieg ging es noch viel stiller zu.
Im Jahr 1950 gab es ein Narrentreffen in Radolfzell, an dem auch die Konstanzer Blätzlebuebe-Zunft teilnahm, berichtet Ehren-Zunftmeister Andreas Kaltenbach. „Drei Trommler sind der Zunft vorausgelaufen.“ Das wars. „Und der Laternentanz hat zu einer Quetschkommode getanzt“, so Kaltenbach.

Die Zunft habe den Bedarf einer Musikgruppe erkannt. Den Initiatoren sei daran gelegen gewesen, „fünf Jahre nach dem Krieg endlich Musikalität und Fröhlichkeit auf die Straße zu bringen“, so Kaltenbach, der seine närrische Karriere basierend auf einer Lebenslüge im Jahr 1973 beim 1950 gegründeten Fanfarenzug begonnen hat.
Lebenslüge zum Wohl der Narretei
Um was für eine Lebenslüge von Andreas Kaltenbach (66) hat es sich gehandelt? „1972 gab es ein großes Narrentreffen in Konstanz. Dann wollte ich unbedingt in den FZ“, schildert er. Der damalige FZ-Chef habe ihn gefragt, ob er schon 16 Jahre alt wäre, das Mindestalter für den Eintritt in den FZ. „Ja, an Fasnacht“, log Kaltenbach, damals gerade erst 14 Jahre alt.

Seine Eltern wussten von nichts, bis er ihnen eines Tages nicht wie gewohnt sagte, „ich gehe jetzt in Schwimmtraining“, sondern „ich gehe jetzt in die Probe“. Noch immer ist Kaltenbach stolz auf sein damaliges Vorgehen, denn: „Es war meine erste alleinige Entscheidung“.
Doch zurück zu den Anfängen. Mit der Gründung des FZ haben die Blätzlebuebe ins Schwarze getroffen. Es sei leicht gefallen, Mitspieler zu gewinnen, berichtet Andreas Kaltenbach. Anfangs hätten – zumindest die Trommler – nicht nur das Blätzle-Häs, sondern sogar die Haube beim Spielen getragen.

Außerhalb der Fasnachtszeit – im Häs sind die Blätz lediglich vom 6. Januar bis Fasnachtsdienstag zu sehen – sei der Fanfarenzug „in seltsamen Uniformen“ aufgetreten, schildert Andreas Kaltenbach und beschreibt: „Dunkelblaue Jacken, grauen Hosen und Krawatte“, in den 1970er Jahren, die er selbst miterlebte, wurde es bunter und der persönliche 70er Jahre-Look spielte auch eine Rolle. „Gelbe Krawatten, lange Haare, Koteletten“, so Kaltenbach. Ihm ist anzusehen, dass er diesem Modetrend heute nicht mehr viel abgewinnen kann.

Die wilden 1970er Jahre
Trotzdem: In den 1970ern war was los, auch beim FZ Blätz. Zum einen gab es eine Abspaltung, was die Gründung der Freien Blätz zur Folge hatte. Grün waren sich die roten und die orangenen Blätz in dieser Zeit nicht.
„Wenn sich zwei Fanfarenzüge begegnen, dann nimmt sich jeder zurück. Mit den Freien Blätz war das anders. Dann hat jeder noch lauter gespielt“, erzählt Andreas Kaltenbach, der anerkennend sagt: „Der FZ der Freien Blätz war sehr, sehr gut.“ Das Kriegsbeil ist aber längst begraben und die einstige „Feindschaft“ gehört der Vergangenheit an.
Hoch her ging es im Jahr 1975 auf Klein Venedig: Der Fanfarenzug feierte sein 25-jähriges Jubiläum mit einem Fanfarenzugtreffen in einem großen Festzelt, in dem die seinerzeit angesagte Band „Flippers“ spielte. Das Zelt blieb eine Woche stehen, „und zwar bis zum Seenachtfest als die Frecce Tricolori (Flugstaffel, Anm.d.Red.) über Klein Venedig gesaust sind“, schwärmt Kaltenbach noch heute.

„Wir waren der erste Fanfarenzug mit Ventilinstrumenten“, so Kaltenbach. Das war ein Alleinstellungsmerkmal, denn in den 1970er und 1980er Jahren gab es mehr Fanfarenzüge als heute. Beispielhaft ist die Vita von Markus Degler (53), der als Vierjähriger beim FZ Pfaffenmooser begann, später zum FZ des Narrenvereins Schneckenburg wechselte bis er letztlich im Jahr 2000 zu den Blätz kam. „Da wollte ich immer hin“, so Degler.
49 Jahre im Fanfarenzug. Warum tut Markus Degler das? Am Schmotzigen von morgens bis abends von Termin zu Termin, um Musik zu machen. Das ist doch anstrengend. „Weil es einfach Spaß macht“, meint er und ergänzt: „Der Zusammenhalt ist einfach genial. Und jeder passt auf den anderen auf.“ Er denkt an die Jugend, wenn er sagt: „Die Eltern wissen, wo ihre Kinder sind. In guter Gesellschaft.“

Außerdem lerne man bei Narrentreffen die ganze Region kennen. „Wir Blätz sind Mitglied der VSAN. Da sind wir in fast ganz Baden-Württemberg unterwegs“, so Markus Degler. Er kommt aber auch auf die Musik zu sprechen, denn der FZ habe sich längst zu „einer Marching Band“ entwickelt.
Dann fällt die Männerbastion
Das Jahr 2000 ist auch in die Annalen der Blätz eingegangen, denn ab diesem Zeitpunkt durften auch Frauen in den FZ eintreten und Mädchen in den Büeble-FZ. „Die letzte Männerbastion vor dem Vatikan ist gefallen“, stellte Andreas Kaltenbach, von 1998 bis 2021 Zunftmeister der Konstanzer Blätzlebuebe-Zunft, damals gegenüber dem SÜDKURIER schmunzelnd fest, und kommentiert närrisch die ideologische Trendwende der Zunft-Untergruppe: „Der Dinosaurier hat sich bewegt!“

Auf die Frage nach dem Warum antwortete seinerzeit Michael Hotz, mittlerweile mit 45 Jahren dienstältestes FZ-Mitglied: „Wir haben entdeckt, dass es auch Frauen gibt.“ Ernsthaft sagte er damals: „Es gibt keinen plausiblen Grund, es nicht zu tun. Überall sind Frauen vertreten, sogar in jeder kleinsten Volkspartei gibt es weibliche Vorsitzende. Dem wollen wir uns nicht verschließen.“
Mit dieser Entscheidung ist der Fanfarenzug gut gefahren. Aktuell sind es 37 Aktive, davon etwa 50 Prozent Frauen. Und die musikalische Truppe gibt jetzt richtig Gas und bereitet jetzt schon so manche Überraschung für die große Jubiläums-Sause im Mai vor.