Am südlichen Rand des Schwarzwaldes liegt eine beschauliche Gemeinde, die einem Hidden Champion als mächtige Schaltzentrale dient. Das Monument der Sedus Stoll AG, eine riesige Lagerhalle mit bunten Kacheln, ist für jeden zu sehen, der am Städtchen Dogern vorbeifährt. Holger Jahnke ist Vorstand für Marketing und Vertrieb bei Sedus Stoll. Er blickt in der Kantine auf sein Mittagessen. Hühnerfleisch, Brokkoli, Erbsen, Karotten. Die Zutaten der Suppe sagen viel über die Historie und Gegenwart des Büromöbelherstellers aus, findet Jahnke. „Das Essen ist ein Symbol. Hier steckt die DNA des Unternehmens.“
Die Stammkunden: Vodafon, Mercedes und BMW
Er spricht von regionaler Verankerung, ökologischem Bewusstsein und sozialer Verantwortung, wenn er die Philosophie des Unternehmens beschreibt. Und sie findet sich in seiner Mahlzeit wider. Der firmeneigene Acker liegt wenige Meter hinter dem Werkszaun. Von dort kommen seit mehr als 60 Jahren frische Lebensmittel auf die Teller der Mitarbeiter.

Die Sedus Stoll AG ist mit der Region und den Menschen verbunden und zu einem Büro-Riesen gewachsen. Der Umsatz aus dem Jahr 2017: 191,2 Millionen Euro. Bei der Hauptversammlung im Juni werden die Zahlen für 2018 vorgestellt. Es sieht danach aus, dass erstmalig die 200 Millionen-Marke geknackt wird.
Zu den Stammkunden der Bürostühle und Konferenzmöbel gehören Vodafon, Mercedes oder BMW. In acht europäischen Ländern gibt es Tochterfirmen. Am Standort Geseke in Ostwestfalen steht das Werk von Sedus Systems, dazu gehört der Bürositzmöbel-Hersteller Klöber in Owingen zum Unternehmen. Insgesamt arbeiten rund 900 Mitarbeiter für Sedus Stoll.
Der Marathon-Umzug ist bald vorbei
Der Ursprung des Unternehmens liegt in Waldshut, die Zukunft nicht. Fast 50 Jahre dauerte die Stammsitz-Verlegung von Sedus ins benachbarte Dogern. Hier ist nun das „Sedus-Gehirn“, wie Vorstand Jahnke es ausdrückt. Noch fehlen die Mitarbeiter aus Marketing und Vertrieb, die bald ihren Neubau beziehen. Jahnke spricht von einer der „modernsten Büroinfrastrukturen in Deutschland.“
Stuhl ohne Mechanik: Sedus entwickelt eine Weltneuheit
In Dogern tüfteln und bauen dann 440 Mitarbeiter am Büro der Zukunft. Vor einigen Monaten präsentierte das Unternehmen eine Weltneuheit. Ein Drehstuhl ohne Mechanik, der sich dem Körper individuell anpasst. Der Erfindergeist verwundert in einer Gegend, die wie abgeschnitten vom Rest der Republik liegt. Was steckt dahinter? Ein Blick in das Forschungs- und Entwicklungszentrum verrät mehr.
Das schneeweiße Gebäude ist für Fremde verschlossen, die Tür ist passwortgeschützt. Industriespionage gibt es auch in Dogern, meint Sedus-Sprecher Joachim Sparenberg. Die Konkurrenz sei aufgescheucht, seit sie vom mechaniklosen Bürostuhl der Zukunft wisse. Der Preis könne ohne zusätzliche Montur-Schritte unter 300 Euro pro Stück fallen. „Das ist ein Anschlag auf dem Markt“, sagt Sparenberg mit ein wenig Stolz in der Stimme.
„Was hier an Kultur fehlt, macht die Landschaft wett“
Carlo Shayeb und Falk Blümler sind dafür mitverantwortlich. Der Arbeitsplatz der beiden Designer hat den Flair eines hippen Start-up-Unternehmens. Nur sitzen Shayeb und Blümler nicht am Prenzlauer Berg, sondern im Industriegebiet einer 2400-Seelen-Gemeinde. Die beiden jungen Männer haben den Schritt in die Provinz gewagt. Bei Sedus haben die Designer mit ihren Ideen eine gewisse Narrenfreiheit. Shayeb verbrachte seine Studienzeit in Sydney. Blümler studierte in Offenbach, mittlerweile fühlt er sich im benachbarten Waldshut-Tiengen angekommen: „Was hier an Kultur fehlt, macht die Landschaft wett.“
Wenige Meter vom Forschungs- und Entwicklungszentrum liegt der Sedus-Muskel – die Produktionshallen. Die Gebäude sind dem Produktionskreislauf der Stühle angepasst. In der ersten Halle steht eine Maschine, die Rohre mit einem Laser zuschneidet. In der letzten Halle steht ein Lastwagen für die in Plastik gepackten Endprodukte.
Viele Maschinen werden vom Computer gesteuert. In der Montage-Halle wird mit der Hand gearbeitet. Ein Mann hämmert mit einem Tacker lautstark das Polster in einen Sitz. Überall klackt und dröhnt es. Mittendrin steht ein gelassener Anton Schuller.

Er ist ein Kind der Region, seit 35 Jahren bei Sedus Stoll. Für den Monteur ist jeder Auftrag individuell. Die Kunden können sich ihren Stuhl auf der Homepage zusammenstellen. Weiche Rollen, keine Armlehne, dafür eine Kopfstütze – Anton Schuller baut aus dem digitalen Rezept den gewünschten Stuhl. In acht Stunden schafft er etwa 28 Stück. Am Ende des Tages landen seine Werke im Lastwagen. 1500 Stühle verlassen pro Tag die Dogener Hallen.
Vorstand Holger Jahnke ist in der Kantine beim Nachtisch angekommen. Moderne Arbeitsplätze seien mittlerweile Pflicht, um Fachkräfte zu überzeugen.“Für junge Talente wird das Umfeld immer wichtiger. Kreative Menschen brauchen den richtigen Raum.“ Bei Sedus Stoll bekommen sie ihn, wie der Blick durch das Werk zeigt.
Die Familie Stoll
Die Sedus Stoll AG wurde 1871 in Waldshut von Albert Stoll gegründet. Sein Sohn Albert Stoll II präsentierte 1926 den "Federdreh", der als Urvater des Bürostuhls gilt. Sein Sohn und Nachfolger, Christof Stoll, galt als grüner Vordenker und Umweltschützer. Zusammen mit seiner Frau Emma ließ er auf dem eigenen Acker Lebensmittel für die Kantine anbauen und beteiligte seine Mitarbeiter am Betriebsergebnis – beides ist heute noch der Fall. Als letzte Nachfahren des Familienbetriebes übertrug das Ehepaar ihr Vermögen im Jahr 1985 auf die Stoll Vita Stiftung, später kam die Karl Bröcker Stiftung hinzu. Die Stiftungen halten die Mehrheitsanteile der AG. Christof Stoll starb im Mai 2003, seine Frau im März 2010. Beide wurden 90 Jahre alt. (juk)