Geläut und Glockenstuhl im Überlinger Münster steht eine Generalsanierung bevor. Um den historischen Bestand künftig so wenig wie möglich zu beanspruchen und Schäden vorzubeugen, werden 2026 neue Klöppel eingehängt und einige Glocken gedreht, dazu kommen weitere Arbeiten. Im Turm wird eine neue Montageplattform entstehen, um die Glocken besser erreichen zu können. Die Kosten der Arbeiten taxiert die Erzdiözese Freiburg auf 171.000 Euro.
Dass die Schweden Kanonenkugeln ins Gebälk des Münsterturms schießen, ist nicht mehr zu befürchten. Wartung und Reparatur bleiben trotzdem nötig – zentnerschweres Gewicht, stetes Schwingen: Ein Glockenturm unterliege einer „enormen dynamischen Belastung“, erklärt der Erzbischöfliche Glockeninspektor Johannes Wittekind.
Damit die Glocken länger leben
Was für den Turm gilt, gilt erst recht für die Glocken, die die andauernden Klöppelschläge nicht einfach so wegstecken. Die Lebensdauer einer Glocke ist lang, aber endlich. Wer seine Glocken schonend und pfleglich behandelt, verlängert ihr Leben.
Neu ist diese Erkenntnis nicht. Nachdem die 1444 in Überlingen gegossene Osanna-Glocke bis dahin regulär 386-mal pro Jahr geläutet hatte (plus außergewöhnliche Anlässe), beschloss der Rat 1582, die Zahl auf 164 zu senken. Im Lauf späterer Jahrhunderte läutete die wertvolle Glocke immer seltener.
Heute ist sie nur noch zu christlichen Hochfesten und außergewöhnlichen Anlässen zu hören. Als es etwa am 8. Mai in Rom hieß „Habemus papam“, drückte parallel in Überlingen Mesner Mauricio Barrera den grünen Schalter, der die Osana schwingen lässt. Manuell geläutet wird in Überlingen schon seit 1930 nicht mehr. Bis dahin waren, wie es in einer Chronik heißt, „vier handfeste Männer“ vonnöten, um die geschätzten 177 Zentner in Bewegung zu versetzen.

Das Überlinger Geläut – einmalig
Um heute Schäden an den Glocken vorzubeugen, unterliegt jeder Kirchturm kontinuierlicher Beobachtung. Das gilt für den Turm des Überlinger Münsters mit seinem kulturhistorisch bedeutsamen Geläut umso mehr. Der Überlinger Bestand ist mehr oder weniger einmalig.
Allein in der Zeit des Dritten Reichs sind dem Erzbistum Freiburg laut Wittekind rund 80 Prozent der historischen Glocken verloren gegangen. Gar nicht einmal aus dem angeblichen Hauptgrund, um aus den Glocken Kanonen oder Panzer zu schmieden. „Hitler ging es darum, dass die Kirchen schweigen und ihre Glocken nicht die Menschen zusammenrufen“, erklärt Wittekind.

In den Jahrzehnten nach 1945 seien viele weitere historische Glocken wegen Überlastung kaputtgegangen. Diese Zerstörung war eine Folge zu schwerer Klöppel, die umso stärker auf die alten, dünnwandigen Glocken eindroschen, damit ihr Klang mit dem der modernen, perfekt gegossenen Glocken mithält. Diese Überbeanspruchung haben viele historische Glocken nicht ausgehalten.
Der Job von Glockeninspektor Wittekind ist, das, was es an historischem Bestand noch gibt, zu hegen und zu pflegen, ohne es verstummen zu lassen. Wittekind profitiert davon, dass heute besser erforscht ist, was eine Glocke aushält und wie sie sich schonend läuten lässt.
In Überlingen schaut sich der Erzbischöfliche Glockeninspektor alle sieben Jahre im Detail an, ob die Klöppel im Lot sind, die Glocken perfekt ausgerichtet, forscht nach Schäden im Gebälk und potenziellen Schwachstellen. Abseits dieses Turnus pflegt Wittekind einen kurzen Draht zu allen, die mit den Glocken beschäftigt sind.
Glockenforschung: der musikalische Fingerabdruck
In anderen Gemeinden habe es in den vergangenen zehn Jahren eine Reihe von Pilotprojekten gegeben, die zu neuen Erkenntnissen geführt haben. Heute etwa weiß man um den idealen Härtegrad eines Klöppels, der die Glocke so wenig wie möglich abnutzt.
Parallel zu den Projekten in Kirchtürmen liefen beim in Kempten ansässigen Europäischen Kompetenzzentrum für Glocken Tests, in denen sogar Glocken systematisch kaputt geläutet worden seien. Vom wissenschaftlichen Fortschritt und der neuesten Messtechnik profitierten jetzt die acht Glocken im Überlinger Münster, sagt Wittekind.

Einmal jährlich müssen alle Anlagen gewartet werden. Nach der jüngsten Wartung in Überlingen, ausgeführt von einem Fachbetrieb aus dem Schwarzwald, kam die Rückmeldung, die Belastung der Glocken sei problematisch. Wittekind empfahl dringend, einen „musikalischen Fingerabdruck“ der acht historischen Überlinger Glocken zu nehmen. Mit diesem noch recht neuen Verfahren lassen sich anhand des Klangs der Glocke Schäden oder Unregelmäßigkeiten identifizieren.
Die folgende Untersuchung offenbarte den Handlungsbedarf – und mündete in einen Maßnahmenkatalog für 2026: acht neue, die Glocken schonende Klöppel, eine Drehung dreier Glocken, damit künftig andere Stellen die Klöppelschläge abbekommen, Überarbeitung von Läuterädern und Jochbeschlägen, dazu neue Läutetechnik. Die neue Montageplattform im Turm soll den Zugang zu den vier im Gebälk verborgenen Glocken erleichtern.