Ein ganz normaler Morgen – Enrico Beckmann war auf dem Weg zur Arbeit in Richtung Todtmoos. Es war neblig und trüb, der Weg führte durch den Wald. „Ich dachte noch: fährst besser ein bisschen langsam, da könnten Rehe unterwegs sein“, blickt der Physiotherapeut zurück.
Und dann entdeckte er etwas an einer Böschung. „Ich habe einen Luchs gesehen, der ein Reh an der Kehle gepackt hatte und gerade versuchte, es die Böschung hinaufzuziehen.“
Beckmann hielt an, lies das Fenster herunter und machte Fotos. Ihm war durchaus bewusst, dass er gerade einen ganz seltenen Moment erlebte und diesen auch noch mit Bildern dokumentieren konnte.
„Es gibt in ganz Deutschland ja gerade einmal noch rund 200 Luchse.“ Der Luchs machte sich zwar nicht weiter an dem erlegten Reh zu schaffen, er flüchtete allerdings auch nicht. „Er zeigte auch kein aggressives Verhalten. Er hat nicht gefaucht oder so.“

Ewig konnte Beckmann allerdings auch nicht am Straßenrand stehen bleiben. Zwar war es erst kurz nach 7 Uhr und es war wenig los. Aber es handelte sich bei weitem um keine verlassene Straße und er musste schließlich auch zur Arbeit. So ließ Enrico Beckmann den Luchs und sein Reh zurück.
Da er allerdings wusste, dass Luchssichtungen gemeldet werden müssen, schickte er die Bilder aber allerdings an den zuständigen Jäger – Michael Geist. „Wir wissen, dass der Luchs da ist, aber dieses Mal hatten wir das Glück, dass jemandem Fotos gelungen sind.“ Ansonsten würden nur immer Spuren die Anwesenheit eines Luchses verraten – beispielsweise im Winter Pfotenabdrücke oder gerissene Tiere. „Der Luchs ist sonst eher heimlich unterwegs.“

Geist machte sich auf den Weg zu der Stelle, wo die Bilder aufgenommen worden waren. Den Luchs fand er nicht mehr. Dafür das Reh. „Er hatte es zugedeckt, damit er es abends verspeisen kann. Das ist ein typisches Verhalten für einen Luchs.“ Für Geist sollten die Bilder in einem ganz besonderen Erlebnis enden. Denn der Jäger kontaktierte die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA), die ihren Sitz in Freiburg hat und unter anderem für das Wildtier-Monitoring verantwortlich ist.
Experten fangen den Luchs und untersuchen ihn
In Freiburg wurde rasch gehandelt, denn der Luchs war in der FVA unbekannt und das zurückgelassene Reh eine großartige Chance. Ein Team aus Wildtierbiologe Jens Seeger (FVA), Veterinär Marco Roller (Zoo Karlsruhe) und zwei Mitarbeitern wurde zusammengestellt und reiste hoch in den Schwarzwald.
„Wir haben zusammen eine Falle aufgebaut. Das war eine größere Sache, weil wir sie verblenden mussten und auch Kameras aufgehängt haben“, sagt Geist. Und dann war Warten angesagt? Geist lacht. „Ich hatte schon beim Aufbauen das Gefühl, dass irgendetwas herumstreift.“ Scheinbar war der Luchs doch sehr hungrig und so dauerte es grade einmal fünf Minuten, bis das Tier in der Lebendfalle gefangen war.
„Es wurde mit einem Blasrohr betäubt und anschließend untersucht“, sagt Geist. Herzschlag, Temperatur, Größe, Gewicht – alles wurde erfasst, alles sei sehr professionell abgelaufen. „Es handelt sich um einen anderthalb bis zweijährigen Luchskuder (männliches Tier) bei bester Gesundheit“, teilt die FVA mit.

Der Luchs wurde auch mit einem Sender ausgestattet, damit zukünftig alle seine Bewegungen dokumentiert werden können. In den kommenden zwei Jahren wird das Halsband laut FVA Informationen liefern, die Rückschlüsse über die Lebensraumnutzung, Wanderbewegung und indirekt auch das Nahrungsspektrum des Tieres ermöglichen.
Aus wissenschaftlicher Sicht sei das Gebiet, in dem der Luchs besendert wurde, sehr spannend: Tiere, die aus der Schweiz nach Baden-Württemberg einwandern, tauchen immer wieder in dieser Region auf. Dabei sei allerdings nicht klar, an welcher Stelle sie den Rhein oder größere Straßen queren.
Der Luchs hat ein ganz weiches Fell
„Wir haben ihn dann eingepackt, von der Straße weggebracht und mitten im Revier wieder ausgesetzt.“ Für Geist ein besonderes Erlebnis. „Wann kann man schon einmal einen Luchs im Arm halten und ihn streicheln?“ Schließlich handelt es sich um ein Raubtier – das übrigens ein ganz weiches Fell hat. „Wie eine Katze.“ Es sei einfach ein „Jackpot“ und absoluter „Glücksfall“ gewesen, bei der Aktion dabei sein zu können.
Für den Luchs gibt es allerdings eine schlechte Nachricht. Von dem Reh, das er erlegt hatte, hatte er dann nichts mehr. Das wurde nach Freiburg mitgenommen – für Schulungszwecke. Geist macht sich allerdings keine Sorgen, dass der Luchs hungern muss. „Wir haben genügend Rehe.“ Und dass in seinem Gebiet ein Luchs unterwegs ist, ist für ihn kein Problem – im Gegenteil. „Ich kann mir nicht vorstellen, warum jemand etwas gegen einen Luchs haben sollte.“ Schließlich würden die Rehe nicht den Menschen gehören. „Und wenn er hier ist, dann ist er hier.“