Erst kam das Fernsehen, dann Neugierige aus der ganzen Republik: Alle wollten dabei sein, als die besondere Form der Heimkehrhilfe für Geflüchtete startete. Was war geschehen? Im Zuge des Balkankrieges erlebte Deutschland eine große Flüchtlingswelle.

Auch in Singen suchten zahlreiche Menschen aus Kroatien, Albanien, Kosovo, Serbien und Bosnien Schutz bei Verwandten, die davor als Arbeitsmigranten in der Großindustrie Fuß gefasst hatten. Es dauerte eine Weile, bis das Ausmaß der Zuwanderung erkennbar wurde und staatliche Hilfe kam. „Uns sind Familien bekannt, die in ihren drei Zimmern bis zu 30 Menschen versorgen mussten, sich dabei gesundheitlich und finanziell fast ruinierten, aber geduldig ihr Letztes gaben“, erinnerte sich Frede Möhrle schon in einem Beitrag für das Singener Jahrbuch.
Im Verein für Vorschulerziehung hatte sie sich zusammen mit anderen engagierten Frauen schon seit 1970 um benachteiligte Kinder von Gastarbeiterfamilien gekümmert. Jetzt sah sich der Verein in der Pflicht, den Bürgerkriegsflüchtlingen zu helfen.
Wo es Hindernisse gab, suchte sie nach Lösungen
Auch über 30 Jahre danach kann sich Frede Möhrle noch an die unzähligen Sammelaktionen, Benefizkonzerte, Gastmahl-Einladungen und Politikergespräche erinnern. Wer die quirlige Seniorin erlebt, wird ihre Hartnäckigkeit und ihren Optimismus nicht vergessen. Denn überall, wo es Hindernisse gab, suchte sie nach Lösungen. „Im Großen und Ganzen haben wir fast unbemerkt von der Öffentlichkeit gearbeitet“, erzählt sie.
Bis ein Schützling sich ein Bein brach. Er war nicht krankenversichert. Die medizinische Behandlung wurde mit Spenden finanziert. Was, wenn auch andere krank würden? Die Flüchtlinge mussten dringend versichert werden. „Bei einer Versammlung im vollen Bürgersaal sind wir alle erschrocken, als wir sehen, wie viele Menschen schon hier angekommen waren“, erzählt Frede Möhrle. So schön die unbürokratische Soforthilfe war, so sicher war auch, dass die bürokratischen Regeln eingehalten werden mussten.
Die Bürokratie fordert ihr Recht ein
Der Verein arbeitete sich in Rechtsfragen ein, konfrontierte die gewählten Bundes- und Landespolitiker Hans-Peter Repnik (CDU) und Veronika Netzhammer (CDU) sowie die Bürgermeister im Hegau. Und es kam Hilfe. Solange der Bürgerkrieg währte, hatten die Geflüchteten ein Bleiberecht.

„Es brodelte in der Gesellschaft“, erinnert sie sich und handelte. Sie ging in die Schulen und sorgte für Aufklärung und Mitgefühl. Schüler opferten ihre Schulferien, um mit Flüchtlingskindern Deutsch zu lernen. Vorurteile abbauen und Kontakte schmieden, wo geht das besser als bei einem gemeinsamen Essen? So entstand die Idee zur Gruppe Gastmahl. Menschen aus 20 verschiedenen Nationen kamen zusammen, um gemeinsam zu kochen und zu essen.
Hilfskonvoi soll Heimkehr erleichtern
Dann ging der Balkankrieg zu Ende. Wer nicht freiwillig zurückging, dem drohte die Abschiebung. „Das brachte uns auf die Idee, die Familien für ihre Heimkehr mit einem Startpaket auszustatten“, schildert Frede Möhrle. Eine beispiellose Sammelaktion begann: Tische, Stühle, Betten, Schränke, Kühlschränke, Herde, Waschmaschinen, Holzöfen, Geschirr. Eben alles, was man für einen Hausstand benötigt. Wer eine Geschäftsidee hatte, wurde in diesem Bestreben nach besten Kräften unterstützt.

Die Aktion erregte so viel Aufmerksamkeit, dass sich sogar Nachrichtensender dafür interessierten. Schließlich war es so weit: Am 9. April 1997 ging der erste Konvoi auf Reise.
Auch wenn sie heute nicht mehr an vorderster Front aktiv ist, wird sie doch immer wieder gerufen – ob als Zeitzeugin oder Vermittlerin im Verteilungskampf bei der Singener Tafel. Belohnt wird ihr Einsatz durch zahllose Freundschaften, wie mit der ehemaligen Krankenschwester Christa Schnürch.