Aufmerksame Stockacher werden es schon beobachtet haben: Der Zirkus ist in der Stadt. Schon seit einigen Tagen werden auf dem Dillplatz Zelte aufgebaut, Technik installiert, wird für den großen Auftritt geprobt, bevor am Freitag, 29. August, in der Manege die Scheinwerfer angehen.

Der Kopf dahinter ist Rudolf Renz. Der 41-Jährige ist schon sein Leben lang Teil des Zirkus. Bei den Vorstellungen agiert er als Zirkusdirektor, moderiert gemeinsam mit einem Clown die Show und hat verschiedene Nummer mit Tieren, wie Pferd und Kamel. Er sagt: „Ich bin da hineingeboren. Ich kenne gar nichts anderes.“

Viel passiert hinter den Kulissen

Was für die Zuschauer ein schöner Nachmittag mit Akrobatik, Tiershows und Clownerie ist, ist für Renz und sein Team eine riesige Menge Arbeit, die manch einer gar nicht sieht.

Denn alleine für den Aufbau des riesigen Zirkuszelts müsse erst der Platz vermessen werden, dann werden vier große Stahlmasten mit einem Teleskopstapler aufgestellt, die das Fundament für die Zeltwände bilden. Damit auch alles sicher steht, werden mehr als 150 Erdpfähle in die Erde gebracht. „Und das bei Wind und Wetter“, so Renz. Denn die Showtermine ließen sich nicht verschieben. Steht dann die Außenwand, geht es erst an die Inneneinrichtung und die Technik. Rund 1,5 Kilometer Kabel würden im Zelt für die Shows verlegt.

„Man ist immer unter Strom“

Doch das ist nur ein kleiner Teil der Arbeiten, wie Renz verdeutlicht. Denn bevor der Zirkus nach Stockach kommen kann, gilt es, einen Tourenplan zu erstellen, Genehmigungen einzuholen und Plakate zu verteilen. „Das ist mit einem Haufen Bürokratie verbunden“, sagt Renz und fasst es so zusammen: „Man ist immer unter Strom, hat immer etwas zu tun.“

Der Aufbau auf dem Dillplatz ist schon in vollem Gange – auch bei Regen. Bis zur ersten Zirkus-Vorstellung ist noch viel zu tun.
Der Aufbau auf dem Dillplatz ist schon in vollem Gange – auch bei Regen. Bis zur ersten Zirkus-Vorstellung ist noch viel zu tun. | Bild: Jennifer Moog

Von einer 40-Stunden-Woche mit sechs Wochen Urlaub kann Renz nur träumen. In der Regel sei ein Arbeitstag bei ihm 14 bis 15 Stunden lang. Nicht selten seien es sogar 20 Stunden. Hinzu kommt: „Ich bin 41 Jahre alt und ich hatte noch nie Urlaub.“ Auch Feier- oder Brückentage gebe es beim Zirkus nicht. Wenn keine Vorstellungen sind, wird organisiert, sich um die Tiere gekümmert oder an den nächsten Ort weitergezogen.

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Das ist eine riesige Belastung, die sich nicht jeder zutraut. Deshalb sei es laut Renz schwer, Menschen für diese Art von Leben zu begeistern. Dennoch sind beim Circus Rudolf Renz mehrere Artisten angestellt, etwa aus Spanien, Mexico, Ungarn und Portugal. Obendrein bleibe der Zirkus selten länger an einem Ort. Man muss es also mögen, ständig unterwegs zu sein. Und genau das ist es, was für Rudolf Renz den Reiz am Zirkusleben ausmacht. „Obwohl es viel Arbeit ist, liebe ich das Reisen“, sagt er.

So geht die Tochter zur Schule

Auch seiner siebenjährigen Tochter gehe es so. Sie komme bald in die zweite Klasse. Zur Schule gehe sie an dem Ort, in dem der Zirkus gerade Halt macht. Das neue Schuljahr beginne sie in Waldshut-Tiengen, wo der Zirkus als nächstes die Zelte aufschlägt.

Lediglich in Hessen und Nordrhein-Westfalen gebe es Zirkusschulen, die die Zirkuskinder dann besuchen können. Aber fällt es beim Reisen nicht schwer, Kontakte zu knüpfen? „Probleme, Anschluss zu finden, hat meine Tochter nicht. Sie ist ein sehr aufgeschlossenes Kind“, sagt Renz. Zudem sei es für viele Kinder interessant, wenn ein Zirkusmädchen in die Klasse kommt.

Dafür lohnt es sich, von Ort zu Ort zu ziehen

Renz gibt aber auch zu, dass es gar nicht so einfach ist, sich Zeit für das Familienleben zu nehmen, denn „Freizeit in dem Sinne gibt es nicht. Es gibt immer etwas zu tun.“ Sesshaft zu werden, könne er sich dennoch nicht vorstellen. „Ich wüsste gar nicht, was ich anderes machen könnte.“

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Was für Renz das Zirkusleben abseits vom Reisen zu etwas Besonderem mache, seien die Rückmeldungen der Zuschauer. „Ich freue mich immer sehr, wenn Besucher zum mir kommen und sagen, dass es eine tolle Show war.“ Für diese Art der Anerkennung lohne sich der Aufwand.

So ging Zirkus früher

Den Circus Renz gebe es bereits seit 1842, Rudolf Renz führe ihn nun in fünfter Generation und habe dabei einiges an Entwicklung miterlebt. „Als ich noch Kind war, mussten wir für die Musik für die einzelnen Nummern Kassetten wechseln, die man danach wieder zurückspulen musste“, erzählt er.

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Heute laufe alles über den Computer, auch bei der Lichttechnik sei das so. Wichtig sei ihm, dass den Zuschauern beim Programm eine bunte Mischung geboten werde. „Tradition, modern verpackt“, fasst es Renz zusammen.