St. Georgen Die Firma J. G. Weisser in St. Georgen hat in den vergangenen Monaten vor allem durch ihre schwierige Unternehmenssituation, Insolvenz und Stellenabbau von sich reden gemacht. Ungeachtet der aktuellen Situation hat ein ehemaliger Mitarbeiter eine Chronik über das Unternehmen erstellt, die er jetzt veröffentlicht. Man kann schon mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit behaupten, dass kein anderer Mitarbeiter von J. G. Weisser über das traditionsreiche Maschinenbauunternehmen so gut Bescheid weiß wie Willi Heldt.

Der Maschinenbautechniker, der von 1964 bis zu seinem Ruhestand 2012 zunächst als Konstrukteur noch am Reißbrett stand und später, nach einem berufsbegleitenden Studium, die Leitung und Organisation der allgemeinen Verwaltung übernahm, kennt das Unternehmen wie seine Westentasche. Über viele Jahre und Jahrzehnte hinweg begleitete und dokumentierte Willi Heldt die Entwicklungen des Unternehmens. Aus der Vielzahl von Unterlagen hat der Rentner nun eine Chronik mit dem Titel „165 Jahre Postschmiede J. G. Weisser“ zusammengestellt.

Dass Willi Heldt sein Werk gerade zum jetzigen Zeitpunkt der Öffentlichkeit vorstellt, hat natürlich seine Gründe. „Eigentlich wollte ich die Chronik zu Weihnachten veröffentlichen. Aber angesichts der brisanten Situation habe ich mich entschlossen, die Fertigstellung und Veröffentlichung vorzuziehen“, sagt Heldt bei der Präsentation der ersten Exemplare. Um 165 Jahre bewegte Unternehmensgeschichte zu beleuchten, braucht es Platz. Willi Heldt beschreibt auf ganzen 544 Seiten mit insgesamt 200 Themen in 25 Kapiteln die Geschichte von J. G. Weisser. Von den bescheidenen Anfängen als Postschmiede 1856 bis zum Verkauf des Unternehmens an den US-Konzern Hardinge im Jahr 2021.

Dazwischen beschreibt Heldt ausführlich die Entwicklung vom Hersteller von kleinen Drehbänken und Schraubstöcken für die Uhrenindustrie bis zum Weltmarktführer von Drehmaschinen und -automaten für die Automobil- und Zulieferindustrie. Angereichert ist das Werk mit mehr als 1700¦Fotos. Fotos von Maschinen, Skizzen, Urkunden und Mitarbeiterporträts. Aber auch von Betriebserweiterungen, Firmenjubiläen und von den Geschäftsführern des bis 2021 familiengeführten Unternehmens.

Dass es an der Zeit ist, die Geschichte der Firma J. G. Weisser zum jetzigen Zeitpunkt zu veröffentlichen, sieht Willi Heldt als dringlich geboten. „Nachdem J. G. Weisser im September 2024 Insolvenz in Eigenverantwortung angemeldet hatte, war ich mir ziemlich sicher, dass dies der Anfang vom Ende der traditionsreichen Firma war“, ist in seinem Vorwort zu lesen. Da Held über fünf Jahre hinweg den monatlich erscheinenden „Postschmiedebrief“ herausgegeben hat und zudem Zugriff auf viele Bildbände hatte, verfügte er über ausreichend Material, um die Chronik zu erstellen.

Willi Heldt beschränkt sich bei seinem Werk aber nicht allein auf die Firmenhistorie. Er begab sich auf Ahnensuche und konnte den Familienstammbaum des Firmengründers Johann Georg Weisser bis zu einem Sima Weisser, geboren um 1490, rekonstruieren. Ausfindig gemacht Willi Heldt unter anderem auch ein Personalbuch von Anfang des 20. Jahrhunderts. Hier wurden Bewertungen der Arbeiter schonungslos ehrlich niedergeschrieben. Von „sehr fleißig und tüchtig“ bis „ziemlich dumm“ wurden die Eigenschaften der Arbeiter notiert. Erwähnungen finden zudem auch der Werkschor und die Beschreibung der verschiedenen Firmengebäude.

Da Willi Heldt als korrekter Verwalter alles genau notiert, weiß er genau, wie viele Arbeitsstunden er in die Aufbereitung dieser in der Form einzigartigen Firmenchronik investiert hat. „Es waren 465 Arbeitsstunden“, sagt er. Als Kenner des Unternehmens beobachtet Heldt die aktuelle Entwicklung zudem äußerst skeptisch. Nachdem kürzlich bekannt wurde, dass sich J. G. Weisser von 108 Beschäftigen trennen muss, sieht er die Zukunft des Unternehmens düster. Das schmerzt ihn sehr. „Die verbleibenden Mitarbeiter reichen nicht aus, um den Produktionsbetrieb aufrecht zu erhalten“, befürchtet er. „Für mich ist J. G. Weisser nur noch ein Reparaturbetrieb.“